VS-Herbstfest 2009: Wie viele bin ich und wenn ja, wer noch?

Gekaperte Identitäten - Anmerkungen zum Wandel der Menschenbilder im 21. Jahrhundert. Ein Vortrag von Arwed Vogel

[04.11.2009] Sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen,

Hannes hatte nichts Alkoholisches mehr zu Hause. Er fand, es war bequemer schnell ins KARIBIK zu segeln und sich voll laufen zu lassen statt zu einer Tanke zu gehen und Büchsenbier zu schleppen.
Errol Flynn und seine Schiffsmannschaft hätten vermutlich Fässer genommen, aber es sah wohl etwas arg merkwürdig aus, wenn man heutzutage kleine Bierfässchen durch die Straßen rollte. Außerdem regnete es lausig.

Mit diesen Worten beginnt eine Erzählung des jungen Autors Michael Stiftland, die wie kaum eine zweite das Problem der gekaperten Identitäten beschreibt.


Aber schauen wir vorerst 250 Jahre zurück, als die oben verklärte Seeräuberwelt noch Realität war:
Der Mensch des bürgerlichen Zeitalters, des späten 18. und des 19. Jahrhunderts hatte ein Problem: Er musste sein Ich in der Gesellschaft unterbringen: Seine Aufgabe war es, sich den bürgerlichen Paradigmen zu unterwerfen, seine Gefühle und Leidenschaften den Anforderungen der frühkapitalistischen Welt und ihrer gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu unterwerfen.
Gelang es, so wurde ein rechter Kaufmann aus dem Individuum, er heiratete, reproduzierte sich und tat Gutes. Gelang es nicht, war er von Krankheit, Selbstmord, Wahnsinn bedroht.
Davon erzählen uns die großen bürgerlichen Romane, der Entwicklungsroman, die Geschichte des jungen Werther, des Wilhelm Meister, davon erzählen Fontane, Flaubert, Tolstoi.

Im 20. Jahrhundert sah die Angelegenheit des Menschen schon ungleich komplizierter aus: Durch die verschiedenen Möglichkeiten eine Identität zu gestalten, eine Rolle zu finden, stand der Mensch zunehmend vor der quälenden Frage: Wer bin ich? Was will ich?
Das Glück seine Identität selbst bestimmen zu dürfen, konkurrierte mit der Qual, es tun zu müssen. Ohne Halt eines verbindlichen Wertesystems, zwischen Religionen, Spiritualitäten und Atheismen wählen zu müssen, sich eine Rolle zu definieren und dann mit ihr glücklich zu werden - das war eines der Probleme des bürgerlichen Menschen des 20. Jahrhunderts. Ob Mann oder Frau, ob Vater oder Mutter, alle gängigen Rollenklischées standen in pluraler Unordnung nebeneinander. Die Entscheidung traf das Individuum, oft unsicher, betroffen und nie ganz erfüllt an die Richtigkeit und den Wert seiner Entscheidung glaubend.
Und mitunter in der Midlife-Crisis auch wieder ausbrechend, wenn der Mensch plötzlich anfing, an sich und dem eingeschlagenen Weges zu zweifeln.
Davon handeln viele Literaturen des 20. Jahrhunderts von Brecht über Kundera bis zu Frisch und Walser.
Wer bin ich, was soll ich sein? war zur einer Grundfrage der bürgerlichen Literatur geworden.

Nun stehen wir am Beginn des 21. Jahrhundert und sehen staunend und auf die digitale Entwicklung, auf die unkontrollierbare schnelle Veränderung von ökonomischen und ästhetischen Bedingungen. Es ist daher zu fragen, inwieweit sich auch die Frage nach der Identität verändert. Kann der Mensch noch wissen wollen, wer er ist?


Hannes hatte einen Tisch für sich allein. Er bestellte ein Bier.
„Bah!“ rief Xara. Sie schüttelte sich. „Met wäre mir lieber. Ob man hier würfeln kann? Könnte ein paar Taler gebrauchen. Für Heilkräuter oder Magiepunkte…“
Commander Perry war ebenfalls nicht so glücklich: „Replikatoren schaffen wenigstens alkoholfreies Bier. Wir wollen heute noch fliegen.“
Hannes war es momentan egal. Sie alle hatten ihre Räusche so oder so immer gemeinsam.
Wie bei früheren Besuchen fühlte er sich inmitten der Piratenutensilien an Wänden und Säulen bald wie in einer Kaschemme auf Tortuga.
Irgendwann nach dem zweiten Bier oder so lichtete gegenüber eine Mannschaft Anker und gaben Hannes den Blick frei auf die Barke dahinter. Er sah eine blonde Prinzessin sitzen, die sich mit ihrer dunkelhaarigen Kammerzofe unterhielt.
Hannes Augen weiteten sich. Natürlich war eine Prinzessin außer Reichweite für einen einfachen Kapitän, aber träumen durfte man ja.
„Die wird nie die Ebenen von Kauria mit uns bereisen“, sagte Xara. „So wie die gebaut ist verspeist jeder Troll sie im Ganzen.“
„Merkwürdige Signatur“, meldete Commander Perry. „Ich erhalte Wellenmuster die mit unseren synchron schwingen. Für ein abschließendes Untersuchungsergebnis genügt die optische Abtastung allerdings nicht.“
Offenbar hatte die Prinzessin genug geredet. Die beiden Frauen guckten jede auf ihr Cocktailglas.
 „Wenn die dunkelhaarige sich mal kurz davonmachen würde“, überlegte Hannes. Aufs Clo vielleicht. Dann rübersegeln und fest machen. Ach, verdammt: Die beiden gingen vermutlich gemeinsam.
„So sehen diese Memmen auch aus“, stimmte Xara ihm zu.
Da sah die Prinzessin aufs Meer hinaus. Genau zu Hannes. Ihre Blicke trafen sich über den Ozean hinweg. Tausende von Meilen und doch so klar. Das mußte Sehnsucht sein, die Weite und Tiefe des Meeres zu ergründen, dachte Hannes.
Er sah die Haare der Prinzessin im Wind flattern. Die Brandung rauschte in seinen Ohren.
„Schnell weg schauen“, rief Xara, „Segel setzen und weg hier, bevor es zu spät ist.“


Wie kaum ein anderer Text erfasst dieser Ausschnitt die Problematik. Bei all diesen vorkommenden Figuren handelt es sich nicht um verschiedene Charaktere, sondern um Identitäten aus Fantasy- oder SF-Rollenspielen, die alle in Hannes arbeiten. Xara und der Commander sind immer dabei - als Reflexe oder flimmernde Instanzen.

Sie streiten sich, wie die Gefühle in Hannes widerstreiten – Stiftland erzählt nicht, was in Hannes als Individuum vorgeht, sondern verwendet die beiden Identitäten dafür, als Avatare der Identität, Begleiter eines Menschen, der sich selber in der vorgestellten Welt der Piraten begreift und anachronistisch aus der Hollywood-Welt des Piratenfilms Identität schöpft. Zumindest für diesen Abend. Am nächsten Abend wird das wieder ganz anders.

Immer mehr Menschen aller Altersgruppen organisieren sich auf Plattformen, in sozialen Netzwerken, in virtuellen Gemeinschaften wie, Lokalisten und SchülerVZ. MySpace, Youtube und flickr ergänzen die Netzwerke. Diese Netzwerke dienen der Selbstdarstellung und Kommunikation. Sie dienen dazu über Medien und Musik zu diskutieren, um Persönlichkeit abzubilden, um dabei zu sein, aber auch um Partner zu finden, um die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Oder zur Pflege der eigenen Profilneurose.

Um aber an diesen Netzwerken teilzunehmen, muss ich ein Profil von mir selbst entwickeln. Wer bin ich, was bin ich, was tue ich? Dieses Profil hat eine Außenwirkung. Also muss es Interesse wecken, im Grunde besser sein als ich selber bin. So lässt sich ein Automechaniker aus Schliersee vor einem roten Maserati ablichten, obwohl er so einen noch nie repariert hat, geschweige denn besitzt.

Das Posieren des Körpers, das Posieren der Gedanken, das Schönreden der eigenen Makel wird Methode, erzeugt Identität, die Wirkung ausüben soll, indem es Versatzstücke bereits existierender medialen Vorstellungen zusammenfügt. Funktioniert das nicht, wird die Identität gelöscht, eine neue angenommen.

Der Mensch hier ist nicht mehr auf der Suche nach sich selbst. Er arbeitet mit Identitäten, die Identitäten arbeiten in ihm. Er sucht nicht. Er stellt dar. Er lebt ihr nach, oft ohne Bewusstsein dass zwischen Realität und virtueller Identität eine Lücke klafft.

Er hat viele Identitäten, auch wenn es nicht seine sind. Seine Aufgabe ist es, diese Identitäten zu managen. Das ist nicht leicht. Aber immer noch leichter, als in die Realität zu investieren: Dort muss man ordentlich was dafür tun, sich selbst zu finden, das kostet nicht nur Zeit – und wenn es schief geht, kann man nicht einfach auf Neustart klicken.

Das wäre ja keine Rede wert, wenn diese angenommenen Identitäten nicht das Leben begleiteten. Wenn sie nicht in die Welt der Realität hinüber genommen würden. Die Grenze zwischen der Nutzeroberfläche und der Wirklichkeit verfließt im Moment der Begegnung, im Moment der Bewegung.

Für Hannes war ihr Blick wie das Auge eines Sturmes. Er spürte heftigen Seegang, seine Welt schwankte hin und her. Er konnte nicht wegschauen. Zwei, drei Sekunden. Es war zu spät. Die Mannschaft würde ihn für einen Feigling halten wenn er nach dieser Einladung den Hafen nicht anlaufen würde.
Er nahm sein Bierglas und prostete lächelnd hinüber. Sie hatte – bei Neptun! – offenbar nicht die Absicht einfach weg zu schauen. Ein lächeln enterte herüber, sie nahm auch ihr Glas hoch und beide tranken.
Hannes erhob sich.
„Verdammte Sirene!“ rief Xara. „Ich kratze ihr die Augen aus noch bevor ich ihr die Stimmbänder rausreiße!“
Commander Perry sagte: „Dran denken: Wir haben nachher im ICQ noch Verhandlungen über den Minengürtel in Sektor 47. Hörst du mir noch zu?“
Hannes lies sich nicht beirren. Am Tisch angekommen fragte er: „Darf ich hier vor Anker gehen?“


Es stellt sich nicht mehr vordergründig die alte philosophische Frage: Wer bin ich? Wer bin ich wirklich? Und ist das mir und meiner Gesellschaft entsprechend?

Es stellt sich die Frage: Wie wirke ich? Wir wirkt das, was ich von mir sage? Welches Selbstbild gebe ich mir? Wann wird es Zeit zu wechseln, mir mit wenigen Klicks eine neue oder eine weitere Identität zu geben?

Das ist der zentrale Punkt – es ist sehr viel einfacher geworden, als in früheren Zeiten von jemand anderen zu „spielen“ oder (vermeintlich) zu sein. Es ist risikoloser, billiger und dauernd verfügbar – ich passe die Identität solange an bis sie passt.

Nicht der Mensch hat sich zu verbessern, sondern sein virtuelles Profil.

Da entsteht die Frage ob Menschen ihren vorgestellten Realitäten nachleben. Werden Sie zu dem, was sie sein wollen?

Was passiert, wenn die Identität sich des Menschen bemeistert, die gekaperte Identität den Menschen kapert? Er nicht mehr unterscheidet zwischen dem, was er sein will und dem, was er ist?
Das ist die Schwierigkeit: Bin ich noch Kapitän auf meinem Schiff, sehe ich womöglich nur noch als Passagier zu, wohin es mich treibt, oder sitze ich in Ketten gelegt unter Deck?

Literatur erzählt von Vorstellungen, die sich Menschen von sich machen. Von dem Scheitern dieser Vorstellungen oder von dem Erfolg.
Der Wechsel von Identitäten, das Nebeneinander verschiedener Selbstbilder, die sich widersprechen können: Das sind die Momente, mit denen sich das bürgerliche Weltbild und damit die Literatur zunehmend auseinandersetzen müssen.

Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, die auch die Literatur prägen wird. Denn fast alle Jugendlichen kommunizieren über virtuelle Netzwerke. Sie sind die Leser von morgen. Mit ihren Menschenbildern wird sich die Literatur in zwanzig Jahren auseinander setzen. Und wir werden sehen, ob Identitätssuche dann noch eine Rolle spielt.

   
Hannes hat ganz andere Probleme: Nachdem er Anker geworfen hat, stellt sich heraus, dass die Prinzessin mit Namen Tine von ihren Cocktails schon zu betrunken ist - und außerdem hat sie keine Ahnung von Piratenfilmen. Ganz anders ihre als Zofe angesehene Freundin Gabi. Hannes, als Mensch des 21. Jahrhunderts macht dann eben der Zofe ein Angebot:

Übrigens“, sagte Hannes, „ich kenne jemanden vom Cinema und kriege bestimmt 2 oder 3 gute Plätze für Fluch der Karibik im Original. Wann läuft der überhaupt? Soll ich mal versuchen?“
Gabi holte Luft und setzte sich gerade auf. „Das wäre schon toll“, sagte sie dann. „Man hat ja nichts von so einem Film, wenn man am falschen Platz sitzt.“
„Absolut“, sagte Hannes. „Das mache ich und wir treffen uns dann. OK?“
Gabi zuckte mit den Schultern und sah woanders hin. „Ja, warum nicht?“ sagte sie dann.
Tine kam zurück. Sie sah aus als wäre ihr nicht gut. „Können wir gehen?“ murmelte sie.
Als Hannes auf dem Heimweg war, fragte er sich, wie er es bloß anstellen konnte anständige Karten von einem Kino zu bekommen, von dem er niemanden kannte und in dem er noch nie zuvor gewesen war.

Noch erweist sich die Realität als Schwelle an der gekaperte Identitäten scheitern. Was passiert aber, wenn Identitätspiraten durch die Meere des Seins schippern und gar nicht merken, dass sie statt Rum Wasser trinken oder schlimmer noch, dass es sie in der Realität nicht mehr gibt?


Abschließend möchte ich Michael Stiftland für den zur Verfügung gestellten Text und die Mitarbeit an diesen Notizen danken, die das Thema nur einleitend bestimmen konnten und hoffentlich zur gedanklichen Anregung dienen.

© Arwed Vogel & Michael Stiftland, 2009




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