VS-Herbstfest 2009: Wandel des Literaturbetriebs

Ein Vortrag von Norbert Niemann

[01.11.2009] Liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herrn.

2009 ist ein gutes Jahr für deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Mit dem Nobelpreis für Herta Müller und dem Deutschen Buchpreis für Kathrin Schmidt sind Autorinnen von hohem literarischem Rang ausgezeichnet und ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gehoben worden. Künstlerisches Niveau hat sich gegen strategische Verkaufsinteressen durchgesetzt. Dies ist das Verdienst der Mitglieder der Schwedischen Akademie und der diesjährigen Zusammensetzung der Jury des Deutschen Buchpreises. Im letzteren Fall heißt die erfreuliche Botschaft: Auch unter deutschen Kritikern gibt es noch welche, die sich den qualitativen Nivellierungstendenzen des zunehmend marktorientierten Buchhandels entgegenstemmen. Die schlechte Nachricht allerdings lautet: Es bedarf inzwischen einer gehörigen Portion Zufall, damit eine Mehrheit solcher Kritiker bei der Vergabe eines ökonomisch so gewichtigen Preises zustandekommt.

Denn ungeachtet diese ebenso großartigen wie vergänglichen Ereignisse haben sich im Lauf des vergangenen Jahrzehnts der Literaturbetrieb und die öffentliche Wahrnehmung von Literatur massiv verändert. Die enge Relation zwischen Literatur als Kunstform und Zeitgeschichte, zwischen der Ästhetik und dem gesellschaftspolitischen Stand der Dinge, die in der alten Bundesrepublik eine so wichtige Rolle im demokratischen Bildungsprozess spielte, ist im Zuge der wachsenden Kommerzialisierung des Buchmarkts immer mehr aus dem Sichtfeld geraten. Die Entwicklung ist besorgniserregend. Der Kampf um die knappe Ressource Aufmerksamkeit im Saisongeschäft steht im Vordergrund, Folgeerscheinungen wie Eventisierung, Konkurrenzdruck, Verdrängungswettbewerb, Schnelllebigkeit lassen vergessen, dass Produktion und Wahrnehmung von Kunst anderen als ökonomischen Kriterien gehorchen.

In seiner Dankesrede zum Kranichsteiner Literaturpreis fand Gerhard Falkner deutliche Worte für diese Entwicklung: „Natürlich tut der Buchmarkt weiterhin so, als würde es sich bei dem, was als Buch gewöhnlich über den Ladentisch geht, um Literatur handeln. Sofern aber über diesen Markt noch Literatur verkauft wird, geschieht das nicht, weil diese Buchmärkte existierten, sondern obwohl. Bei der überwältigenden Hauptmasse der Bücher handelt es sich zunehmend nicht um Literatur, sondern um Lesestoff, genauer gesagt, um Literaturimitation. Beide, Literatur und Lesestoff, haben etwa so viel miteinander gemein wie ein freilaufendes Panzernashorn in Nepal mit seiner Abbildung in einem französischen Zigarettenbilderalbum.“

Schriftsteller, deren Literaturbegriff mehr sein will als Dienstleistung auf dem Entertainment-Sektor, die einer Idee von Kunst anhängen, die sich nicht zuletzt auch als künstlerische Durchdringung und Kommunikation gesellschaftlicher Prozesse begreift, machen gegenwärtig die Erfahrung, in einen zwar noch nicht vollkommen luftleeren, aber doch bereits ziemlich sauerstoffarmen Raum hinein zu agieren. Die vom Wirtschaftswissenschaftler Joseph Schumpeter so genannte „produktive Zerstörung“ des Kapitalismus bewirkt in der Sphäre von Kunst und Kultur Vergessen, die Nivellierung von Qualitätsunterschieden und eine Desensibilisierung des Publikums.  Verkaufbarkeit, Ranking-Listen ersetzen zusehends die Frage der Bedeutsamkeit eines Kunstwerks für seine Zeit, die Frage nach dem Wie und Warum seines Inhalts, seiner Form. Und der Resonanzraum, der früher durch die Literaturkritik als Korrektiv und durch das Gedächtnis gut sortierter Buchhandlungen gewährleistet wurde, schrumpft gefährlich.

Die Ursachen für diese Entwicklung liegen auf der Hand. Zum einen geht der Siegeszug von Buchhandelsketten wie Thalia und Hugendubel weiter. 800 der einmal 5000 Buchhandlungen in Deutschland haben allein in den letzten zehn Jahren schließen müssen, weil sie dem Konkurrenzdruck der  überall aus dem Boden schießenden Konzernfilialen nicht gewachsen waren. Angst geht um unter den im Buchgeschäft tätigen Menschen. In einem SZ-Artikel vom 14.Oktober über die Unternehmensethik des Thalia-Geschäftsführers Michael Busch mussten vorsorglich die Namen der Befragten geändert werden. Wo ausschließlich das Geldverdienen den Job des Bücherverkaufens definiert, bleibt die kulturelle Dimension der Literatur naturgemäß auf der Strecke. Die Bestseller werden immer bestselleriger, während der große Rest immer schneller zu Makulatur wird. Wer als Autor nicht eines der wenigen Lotterielose des Marktes zieht, dessen Überleben steht zur Disposition.

Doch nicht nur die Schere zwischen arm und reich wird unter Kollegen immer größer. Es finden auch immer weniger künstlerisch hochwertige Schriftsteller den Weg zum Publikum. Dies liegt zum anderen an einer literarischen Öffentlichkeit, die sich dem schnellen Saisongeschäft angepasst hat, statt Orientierung in einem literaturhistorischen Kontext anzubieten. In den Leitmedien existiert die Stimme der Literatur schon so gut wie nicht mehr.

Die Lage der Schriftsteller wird derjenigen der Bauern oder der Einzelhändler immer ähnlicher, die ebenfalls im Konzentrationsprozess unterzugehen drohen. Die Monokultur der Discounter und Ketten macht sie platt und lässt am Ende nur solche Autoren übrig, die akzeptieren, als Rädchen im Dienstleistungsgewerbe Unterhaltungsware nach vorgegebenen Rastern zu stanzen.

Zwischen den Kriterien von Wirtschaftlichkeit und Konsumentenfreundlichkeit und den Kriterien der Kunst besteht jedoch ein himmelweiter Unterschied. Sie mehr und mehr auszuhebeln, wie es derzeit geschieht, bedeutet, einer neuen Form von Zensur Tür und Tor zu öffnen.

Dies aber ist eine Frage der Politik, die Frage, ob wir in einem Land, in einer Gesellschaft leben wollen, in der unter der Hand jene kulturelle Fundamente abgegraben werden, die für ein kritisch waches Bewusstsein in einer aufgeklärten Demokratie maßgeblich, ja, existenziell sind. Es ist nicht zuletzt eine Frage von bildungspolitischem Belang. Bildungs- und Kulturpolitik müssen sich bewusst sein, wie wichtig es für die Bewahrung der Demokratie ist, nachhaltig auch für kommende Generationen kulturelles Erbe und Niveau zu bewahren. Demokratie ist ein Prozess, der ständig mit Leben zu füllen ist. Daher braucht sie eine Bildung und eine Öffentlichkeit, die so viele Menschen wie möglich in die Lage versetzt, sich ein kritisches Bild von der Welt und ein selbstkritisches Bild vom eigenen Leben zu machen. Es wäre streng geboten, wieder eine Brücke zu schlagen zu den Schulen und Universitäten des Landes. Die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften müssten aus dem Schatten der für den Wirtschaftsstandort Deutschland relevanten Forschungsbereiche herausgeholt und aufgewertet, der Wert geistiger Auseinandersetzung und Vertiefung wieder nachdrücklich vermittelt werden gegenüber einem Geist, der sich aufs Geldverdienen beschränkt und die Heranwachsenden mehr und mehr beherrscht.

Ein Bewusstsein für diesen kulturpolitischen Aspekt unserer Gefährdungslage im Zuge der berüchtigten Ökonomisierung aller Lebensbereiche existiert bisher kaum. Wie sich die Dinge bald entwickeln könnten, sollte dem überall sonst, nur in der Kultur kaum attackierten, puren Gewinnmaximierungsdenken nicht gegengesteuert werden, habe ich als „Fernschreiber“ für den „Zündfunk“, das Jugendprogramm des Bayerischen Rundfunks, aufgeschrieben. Mit meinem Beitrag zum Thema „Der Rest meines Lebens“ (eine Zukunftsvision, die übrigens auch  als Podcast im Internet nachzuhören ist) möchte ich diesen kleinen Vortrag schließen.


Horror vacui

Was sich bereits in den nuller Jahren abzuzeichnen begann, wurde in den Zehnern zur Gewissheit. Der zunehmende Ersatz ästhetischer Qualität durch vom Zufall, von Marketingstrategien und Modeströmungen herbeigeführte Verkaufserfolge drängte die Literatur als Kunstform endgültig ins Abseits. Kaum jemand bemerkte die Veränderung, weil sie so schleichend vor sich ging. Man gewöhnte sich ans Mittelmaß, an Klischees und Kitsch.

Das Publikum hatte längst den Faden verloren, der es noch durch das Labyrinth der Publikationen geleitet hätte. Die Abhängigkeit von Bestsellerlisten und Werbekampagnen wurde total. Dass zum Beispiel die Kunst des Romans mit der Durchdringung gesellschaftlicher Gegenwart zu tun haben könnte, wurde aus dem Leserbewusstsein gelöscht. Begriffe wie Erkenntnis, Kritik, Zeitgeschichte wurden im Zusammenhang mit literarischen Werken unverständlich.

In den Geisteswissenschaften wurde nicht mehr das Niveau von Texten, sondern das Phänomen ihres Erfolgs aufgearbeitet. An den Schulen wurden die Kids abgeholt, wo sie standen, und im Kreis herumgeführt.

Die Kritik passte sich dem Wandel an, bis sie in den zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts ganz von der Bildfläche verschwand. Konnte sie eine Zeitlang die Hilflosigkeit in ihrer Urteilsfindung noch durch eine gewisse journalistische Geschmeidigkeit kaschieren, wurde ihre Legitimität gegenüber den Kundenrezensionen bei Amazon und anderen Anbietern immer fragwürdiger. Geschmacksurteile ersetzten die Relikte ästhetischer Kriterien. Die Feuilletons der Print- und Online-Medien kopierten mehr und mehr das erfolgreiche Verbrauchermodell, bis sie als überflüssige Verdoppelung eingestellt wurden.

Der Anpassungsdruck auf die Schriftsteller wurde immens. Auch mein Überleben hing bald davon ab, ob meine Bücher als leicht und unterhaltsam genug befunden wurden. Sie durften nicht zu viele „Gedanken“ enthalten. Die Latte der Seichtheit wurde höher und höher gelegt. Ich hatte immer mehr den Eindruck, unter Zensurbedingungen zu schreiben.

In den zehner Jahren wuchs das Unbehagen unter den Kolleginnen und Kollegen. Man trat wieder gemeinsam auf. Gegenstimmen wurden laut, gegen das Ungleichgewicht zwischen kommerziellen und kulturellen Interessen. Man empörte sich über eine Öffentlichkeit als Horror vacui, beklagte sich darüber, dass sich literarischer Mehrwert nur noch heimlich in vorgestanzte Unterhaltungsmuster schmuggeln ließ, beschwor die Gefahr eines Absinkens des allgemeinen Denkvermögens, der Kritikfähigkeit und Selbstreflexion.

Doch die Übermacht des Marktes und seiner Verfechter war zu groß. Kritische Stimmen wurden als „Komplexitätsfanatiker“, „Kulturpessimisten“, „Moralkeulenschwinger“ herabgesetzt, Diskussionen talkshowmäßig ausgehebelt mit Sätzen wie: „Gut, das ist eben Ihre Meinung“ oder mit dem Vorwurf der Arroganz.

Irgendwann in den Zwanzigern war es für mich mit dem Beruf Schriftsteller endgültig vorbei. Die Verlagskonzerne strichen unsereinen aufgrund schlechter Absatzzahlen aus den Programmen. Fürsprecher für die winzige, von einem neuen Mäzenatentum getragene Hochdichter-Elite hatte ich nicht gefunden. Ich war inzwischen über sechzig und hielt mich schon lange nur noch als Dozent von Senioren-Schreibkursen, Ghostwriter für Neureichen-Autobiografien und ähnlichem über Wasser. Derselbe Vorgang, den ich einst als junger Popmusiker erlebt hatte, hatte nun also auch die Literatur erledigt. Auch hier war überall, wo Literatur draufstand, ganz bestimmt keine mehr drin, auch hier saßen Dieter Bohlen - Klone in jeder Jury. Aber auch hier entstanden unabhängige Zirkel und Verteilungssysteme in den Ritzen und Rändern. Dort bildete sich in einer von Betriebsamkeit und Betäubung überrollten Gesellschaft eine Subkultur des Geistigen, in der ich mich bis zu meinem Tod bewegte.


© Norbert Niemann, 2009




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