VS-Herbstfest 2009: Kultur und Nachhaltigkeit

Rede von Eva Leipprand

[25.10.2009] Zum Beispiel die Osterinsel. Mitten im Pazifik gelegen, ein Paradies, mit riesigen Palmen bewachsen, zwischen den Bäumen flatternd und zwitschernd eine Vielfalt unterschiedlicher Vögel, im Meer springen die Delphine. Die Zeit: 900 n. Chr. Die ersten Menschen, Polynesier, erreichen die Insel. Sie leben ohne Sorgen, bauen seetüchtige Kanus, legen Felder an, ernähren sich von Vögeln und Fischen und vermehren sich ständig. Sie entwickeln eine blühende Kultur, eine Theokratie mit klaren Regeln für die Gemeinschaft. Sie schlagen riesige Steinskulpturen aus den Felsen und stellen sie auf, als Zeichen der Bedeutung ihrer Häuptlinge, und da es verschiedene Sippen gibt, entsteht ein Wettbewerb um die größten Figuren, die mit Hilfe des Palmenholzes transportiert und aufgerichtet werden. -  Die Zeit: das 18. Jahrhundert. Die ersten Europäer betreten die Insel. Sie treffen auf eine erschreckende Szenerie. Es gibt keinen Baum mehr auf der Insel und nur wenige Bewohner in einem elenden Zustand. Und Ratten. Dazu unzählige gigantische Skulpturen, einige noch aufrecht, die anderen umgefallen und zerbrochen.

Zum Beispiel unsere Gesellschaft heute. Es geht uns gut, wir vermehren uns rasant, wir haben eine blühende Kultur und großen Erfindergeist, der uns immer neue Optimierung unserer Lebensbedingungen erlaubt. Wir glauben an das Wachstum, wir produzieren immer mehr, mehr Autos, mehr T-Shirts, mehr iPhones, wir kaufen einen neuen noch größeren Flachbildschirm, um mit dem Nachbarn mitzuhalten oder ihn womöglich zu übertreffen, wir werden immer schneller, immer schneller als der andere, und dabei verbrauchen wir unsere Ressourcen und bringen die Gletscher zum Schmelzen und den Meeresspiegel zum Steigen, und es ist durchaus vorstellbar, dass, wenn es in zweihundert Jahren Außerirdische auf diesen Planeten verschlagen sollte, diese sich ähnlich wundern müssen wie seinerzeit Captain Cook auf der Osterinsel. Wie konnten die nur so dumm sein?

Es ist aber davon auszugehen, dass die Männer, die dort über die Jahrhunderte die Bäume fällten, so lange, bis keiner mehr übrig war, dass sie dies in der Gewissheit taten, das Richtige zu tun. Auf jeden Fall fiel ihnen nichts anderes ein. Und genauso ist es heute. Wir wissen ja eigentlich alle irgendwie Bescheid, dass wir ein Problem haben, ein ziemlich großes sogar, darüber lesen wir jeden Tag in der Zeitung. Und wir tun ja auch was, wir fahren öfter mal Fahrrad und kaufen Energiesparlampen. Aber der CO2-Ausstoß steigt und steigt, und bald ist die Nordwestpassage ganz eisfrei. Irgendwie will uns nichts anderes einfallen, als was wir schon immer gemacht haben, das war doch immer gut und hat uns weit gebracht, und außerdem sagt die Bundeskanzlerin lauter als je zuvor: Ohne Wachstum ist alles nichts.

Es gibt eine Kluft zwischen Wissen und Handeln, und diese Kluft ist auch und wesentlich eine kulturelle. Wir nehmen unsere Umgebung und unser eigenes Handeln nicht objektiv wahr, sondern durch die Brille unserer kulturellen Vorstellungen. Diese Vorstellungen haben wir entwickelt, um besser überleben zu können, aber jetzt machen sie uns blind; sie hindern sie uns daran, zu erkennen, was wir jetzt tun müssen, um unsere Zukunft zu sichern. Da können uns die Naturwissenschaftler noch so viel Zahlenmaterial aufhäufen, wir sind bislang nicht in der Lage, adäquat zu reagieren. 

Diese Vorstellungen haben damit zu tun, wie wir uns im Leben eingerichtet haben, was unserer Gesellschaft wichtig ist, wie wir Glück und Ansehen definieren, welche Bilder wir im Kopf haben. Das sind im allgemeinen die alten Bilder des Industriezeitalters, „größer, schneller, weiter“. So prallt zum Beispiel die Forderung nach einem Tempolimit auf kulturelle Bestände wie Freiheit und Geschwindigkeit, auf all die rauschhaften Bilder, mit denen die Werbung unserem tiefen Wunsch nach Erfolg, Macht, Entgrenzung Nahrung gibt. Was kann dagegen das Wort Nachhaltigkeit ausrichten, ein Wort ganz ohne Sinnlichkeit, ein dürres Wort, das keine Bilder im Kopf hervorruft, allenfalls ein müdes Grau.

Es fällt schwer, das Leitbild Nachhaltige Entwicklung in die Tat umzusetzen. Das liegt nicht an seinem Inhalt. Wer wollte nicht langfristig die Lebensbedingungen auf der Erde sichern und allen Menschen gleiche Chancen geben, deren Ressourcen zu nutzen? Aber das Leitbild bleibt abstrakt, es erreicht die Gefühle nicht und damit keine gegenwärtige Wirksamkeit, es hat noch nicht Gestalt angenommen als eine in Bildern und Symbolen verankerte und für alle verbindliche Norm. Als eine attraktive Vorstellung vom Guten Leben in der Zukunft. Der Übergang in eine neues Zeitalter muss wirkmächtige positive Bilder finden, damit er gelingt. Bilder, die nicht nur einzelne Pioniere, sondern die Mehrheit der Menschen aus ihren gewohnten Denkmustern lösen und ihnen den neuen Horizont auftun können, der für die Gestaltung einer guten Zukunft nötig ist.

Wir brauchen einen kulturellen Wandel. Eine Kulturleistung wird von uns verlangt mindestens so groß wie zur Zeit des Hammurabi, als die Menschen sich schriftliche Regeln des Zusammenlebens gaben. Ein großer Schritt ist nötig in der kulturellen Evolution, der uns überlebensfähig macht.

Dass der Mensch Denkmuster verändern kann, und zwar sehr schnell, können wir alle an uns selber feststellen – der radikale Wandel unseres Alltags innerhalb der letzten zwanzig Jahre, durch die Medien, das Privatfernsehen, die Allgegenwart von Computer und Internet, die Werbung vorgedrungen bis in den letzten Winkel, und damit auch ihre subtilen Botschaften, du brauchst dies, du brauchst das, du willst immer was Neues, du willst schöner, schneller, mächtiger sein als der andere, und über das alles entscheidet materieller Besitz. Die Dominanz des Ökonomischen, der flexible Arbeitnehmer, die Auflösung der Familien. Es sind ja viele daran interessiert, die Bilder einzuspeisen, die diese Entwicklung vorantreiben und beschleunigen. Die Helden des Konsums, die kaufen in Zeiten der Krise. Das Verbrauchen als moralische Pflicht. Damit wird der Kopf eines Kindes gefüllt, das in unserer Gesellschaft heranwächst. Das ist keine Kultur der Nachhaltigkeit. Das ist zum Verzweifeln.

Aber wenn sich Denkmuster verändern lassen, dann doch auch in eine andere Richtung. Und hier ist eine weltweite Suchbewegung erkennbar, nach Wohlstand ohne Wachstum, nach dem guten gelingenden Leben, nach dem mit Lust gestalteten Übergang vom industriellen zum solaren Zeitalter. Diese Suchbewegung lässt sich deuten als Element einer kulturellen Evolution, von der viele den Ausweg aus der Krise erhoffen. Die Front der Evolution heute ist nicht das Gen, sondern das menschliche Gehirn. Und dieses Gehirn arbeitet und vernetzt sich, weltweit wird im Kleinen und im Großen über diese Fragen nachgedacht. Kein einzelner Mensch, kein Unternehmen, keine Organisation, keine politische Bewegung überblickt das Ganze. Es ist mehr ein Suchen als ein Wissen. Aber eine Ahnung ist da, dass wir vor Herausforderungen stehen, denen mit den bisherigen Rezepten nicht zu begegnen ist.

Und was sind das für Vorstellungen, die uns aus dem fossilen Zeitalter befreien? Ist es der homo civicus, der vernetzt zu denken lernt und mit Ungewissheit leben kann? Der ein Welt-Wir-Gefühl entwickelt, der die Weisheit der unterschiedlichen Kulturen bündelt und Verantwortung für das Ganze übernimmt? Oder ein ganz anderer, den wir noch nicht kennen? Unsere Sicht ist begrenzt, wir bewegen uns tastend in einem chaotischen System; wir können nicht sicher sein, dass die Schritte, die wir gehen, die richtigen sind, dass wir am Ende das finden, was der Mensch braucht, um zu überleben. Aber wir können Evolutionäre sein. Wir können unsere Deutungssysteme zu öffnen versuchen und in Bewegung halten, wir können uns bereit machen, auf Unerwartetes, Seltsames, Niedagewesenes zu reagieren. Wir können evolutionäre Kompetenz entwickeln.

Ich habe in den letzten Jahren viel Kulturpolitik gemacht und mir die Frage gestellt, welchen Beitrag man dort zu diesem Suchprozess liefern kann. Das darzustellen ist hier nicht der Raum. Interessant ist aber, dass die Politik sich geradezu händeringend überall auf der Welt an die Kulturschaffenden wendet, in der Suche nach den neuen Bildern der Zukunft, einer Ästhetik der Nachhaltigkeit. Meist sind es die Bildenden Künstler, aber auch die Musiker und die Autoren sind gefragt.

Ob es allerdings gelingt, bei den Kulturschaffenden eine nachhaltige Bildersprache in Auftrag zu geben, ist zu bezweifeln. Sie stehen in einem natürlichen Spannungsverhältnis zur Politik, sie sehen die Dinge gerne kritisch und schwarz, sie lassen sich nicht instrumentalisieren – sehr zu Recht. Echte Kreativität lässt sich nicht in den Dienst des Bestehenden nehmen, sie will das ganz Andere denken. Es ist auch überaus heikel, positive Utopien künstlerisch fassen zu wollen. Wohin Auftragsarbeiten zu Idealbildern der Zukunft führen, kennen wir aus den Diktaturen. Aber die aktiv in der Kultur Arbeitenden können der Gesellschaft helfen, evolutionäre Kompetenz zu entwickeln. Sie können uns zeigen, dass unsere Sicht der Dinge nicht die einzig mögliche ist. Sie können den ahnenden und tastenden Evolutionären einen Raum öffnen, den Raum der Möglichkeiten, und sie begleiten auf der Suche nach dem richtigen Weg.

Sie können dabei helfen, dem nachzuspüren, was die alten Bilder sind und wie sie uns beherrschen. Dass wir gar nicht so frei sind, wie wir glauben. Wie unsere Alltagskultur von Kindheit an auf Habenwollen und Verbrauchen ausgerichtet ist. Was das für Botschaften sind, denen wir unsere Kinder aussetzen. Wie wir die Balance zwischen Egoismus und Altruismus zerstört haben. Wie die Sprache der Güter alles dominiert. Wie die Politik uns auf Wachstum einschwört. Sie können die Mechanismen darstellen, die uns im alten Denken festhalten. Und sie können uns Lust machen, mit Ungewissheiten umzugehen, das ganz Andere zu denken und uns darauf einzulassen. Was für eine Herausforderung. 


© Eva Leipprand, 2009




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