Nachruf auf Wolfgang A. Senft

[25.01.2009] Wir trauern um unseren ehemaligen Werkstatt-Sprecher, unseren Freund und Kollegen Wolfgang Alexander Senft (1956 - 2009)

Er hatte Träume und engagierte sich für sie, als Sozialarbeiter, als Literat, als Mensch. In der regionalen Literaturszene, in der Arbeit mit Suchtgefährdeten, mit straffälligen Jugendlichen. Er war schwierig und machte es seinen Mitmenschen oft nicht leicht. Er war ein Kämpfer, der nicht so schnell aufgab. Seine gesundheitlichen, beruflichen und persönlichen Probleme brachten ihn an einen Punkt, an dem ihm auch seine zahlreichen Freunde wohl nicht mehr helfen konnten. Wir werden ihn und sein soziales, politisches und literarisches Engagement nicht vergessen.

Für die Werkstatt Nürnberg im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt e.V. und den VS: Manfred Schwab, Edith Nikolajsen & Madeleine Weishaupt

“Er geht hinaus in die Nacht
mit seinen Träumen
die heute
ihre Blätter verloren haben”
(Wolfgang A. Senft)

“Positiv leben” - das hat für Wolfgang Senft eine doppelte Bedeutung”, schrieben die Fürther Nachrichten 1998 anlässlich der Vorstellung seines Gedichtbandes “und trotzdem...”: “Er ist HIV-positiv und will dieses Todesurteil auf Zeit als Zeichen nehmen, bewusster zu leben.” Und sie zitierten aus seinem Gedichtbändchen: “Positiv - trotzdem will ich leben, Positiv - trotzdem will ich lachen, Positiv - trotzdem will ich lieben.” Das war für ihn programmatisch, das hieß nicht nur zwanzig Jahre lang mit der Aids-Angst zu leben. Das hieß für ihn gleichzeitig, sich zu seinem Anders-Sein zu bekennen und sich für Andere, für Leidensgefährten, für sozial Benachteiligte,  Drogenabhängige, straffällig Gewordene einzusetzen. Und das alles literarisch zu verarbeiten.

Sein soziales und politisches Engagement führte ihn in den Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, wo er sich acht Jahre lang als Sprecher der Nürnberger Werkstatt engagierte. Für die letzten drei Ausgaben des Werkstatt-Textmagazins “Dullnraamer” Nr. 8 bis 10 zeichnete er redaktionell verantwortlich, und er prägte ihnen seinen ganz persönlichen Stempel auf. Besonders bemerkenswert ist der 2007 erschienene Jubiläums-Dullnraamer No. 10, ein 256 Seiten starkes, sehr gelungenes “Nürnberger Lesebuch für Literatur der Arbeitswelt”. Ein anderes Projekt, das ihm sehr am Herzen lag, war die von ihm gegründete und organisierte Schreibgruppe “Beschriebene Blätter” mit jungen Strafgefangenen in der Justizvollzugsanstalt Ebrach. Daraus entstand 2006 die viel beachtete kleine Anthologie “Stumme Schreie”. Brücken des Verständnisses, der Annäherung wollte er damit schaffen, Wege ebnen, wie er im Nachwort schrieb: „Aus vielen Mosaiksteinen entsteht manchmal ein kleines Kunstwerk”.
Nach außen hin ein Raubein, eine ungeduldige Kämpfernatur, die vielfach aneckte, zeigen seine eigenen Texte einen anderen Menschen: einen empfindsamen, mitleidenden, liebenden Menschen, der Träume hat und der sich dafür engagiert, dass sie keine Träume bleiben. Der Trost spenden und Mut machen will. Trotz aller eigenen Schwierigkeiten und Depressionen. Die nahmen in letzter Zeit immer mehr überhand. Als er nicht mehr in der Lage war Anderen zu helfen, sah er - 52 Jahre alt - wohl auch für sich selbst keinen Daseinssinn und in dieser Gesellschaft keine Perspektive mehr, als sich am 15. Januar 2009 aus seiner Wohnung am Nürnberger Westtorgraben in die Tiefe zu stürzen.

Von seiner unerfüllten Sehnsucht nach Unbeschwertheit und Harmonie zeugen viele seiner Gedichte: “Ich liege zwischen Gras und Getreide/ mein Körper wird eins/ eins mit dieser einmaligen Komposition des Augenblicks.// Ich liege zwischen Gras und Getreide/ und fühle mich so leicht/ unheimlich leicht/ glaube zu schweben...”.    

Manfred Schwab




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