Quo vadis, VS?

Diskussion „über die Zukunft eines deutschen Schriftstellerverbandes“

[29.11.2007] Der Einladungstext zum 20. Oktober 2007 mit ausdrücklichem Verweis auf die „Göttinger Erklärung 2006“ des VS ließ aufhorchen (... zunehmende Bedeutungslosigkeit, ... Notwendigkeit struktureller Veränderungen, ... verstärkte mediale Präsenz, ... Defizite und Potential, ... „Erneuerung der VS von innen heraus“). Tatsächlich führte er gut 50 VS-Mitglieder und Interessierte ins Münchner Literaturhaus, unter ihnen ein knappes halbes Dutzend, die man zum bayrischen „VS-Urgestein“ zählen könnte. Gut möglich, dass gerade sie alarmiert waren durch das Wörtchen eines im Untertitel – dann ging es aber doch weder um eine bevorstehende Vereinigung von VS und FDA, noch um eine VS-Neugründung außerhalb der gewerkschaftlichen Strukturen. Es blieb beim gemeinsamen Blick auf den aktuellen Zustand unseres Berufsverbandes.

Leider gab es von den angekündigten namhafteren, VS-ferneren AutorInnen Andrea Heuser (*1972, Lyrik, Prosa, Libretto und Musiktheater), Gunna Wendt (Arbeiten für Radio und Theater, Libretti für zeitgenössische Opern, Biographien) und Feridun Zaimoglu (*1964, Schriftsteller, Drehbuchautor, Journalist; „Gründer” und spiritueller Leader von „Kanak Attack“, 1. Preisträger des 2007 von VS Bayern und Random House gestifteten Carl-Amery-Preises) krankheitsbedingt sehr kurzfristige Absagen. So diskutierten Thomas Kraft, der moderierende VS-Bayern-Vorsitzende, Frank Westner, sein Amtskollege vom FDA und Imre Török, Bundesvorsitzender des VS, mit Sabine Zaplin (*1964, Regisseurin, Autorin und Schauspielerin am Theater), Norbert Niemann (*1961, frisch gewählter stellvertretender VS-Vorsitzender in Bayern, zahlreiche literarische Auszeichnungen, darunter Ingeborg-Bachmann-Preis 1997) und dem Publikum. Weniger Blick von außen also, mehr Selbstprüfung.

Altbekannte und doch beunruhigend einmütige Befunde wie die, dass

gerade junge AutorInnen sich selbst gern als „Monaden“ beim einsamen Geschäft des Schreibens schätzen, allenfalls an ästhetischen Disputen, dem Messen der eigenen Arbeit im Wettbewerb mit anderen interessiert sind, dass sie vor aufwendigerem Engagement (beispielsweise mit dem so eigennützigen wie solidarischen Ziel besserer vertrags- und urheberrechtlicher Bedingungen oder sozialer Absicherung, bei internationalen kulturellen Begegnungen oder gemeinsamer Interessenvertretung auf der europäischen Ebene) allerdings prompt zurückschrecken,

SchriftstellerInnen kaum noch als Teil einer kritischen Öffentlichkeit wahrgenommen werden, heute – im Vergleich zu „Bölls Zeiten“ – intellektuelle Debatten weder provozieren noch beeinflussen, also ohne gesellschaftliche Relevanz bleiben, nicht einmal mehr „angegiftet“ werden,

der VS (trotz aller vom Bundesvorsitzenden dargestellten Aktivitäten, Erfolge und Zukunftspläne) alles andere als attraktiv, einladend, überzeugend wirkt – und zwar nicht nur auf Außenstehende, insbesondere solche, die sich gerade einen Namen machen, sondern ebenso sehr auf den Großteil der langjährigen (noch)Mitglieder.

Kein Widerspruch gegen die Forderung nach neuen Erwartungen, einer „neuen Utopie“ für den VS – ohne dabei die kleinen und großen Siege aus der Vergangenheit abzuwerten. Unbestritten auch die Feststellung von Thomas Kraft: Wir dürfen uns nicht mit dem „Bad in der eigenen Suppe“ zufrieden geben – Da ist ein Vakuum, das wir nicht füllen – Wir brauchen das entscheidende Quäntchen Attraktivität.

Was aber macht einen Schriftstellerverband attraktiv? Wie lässt sich die frühere Attraktivität des VS wieder beleben? Einige Vorschläge kamen durchaus zur Sprache.

Ein klares Profil, auch erkennbar an und verkörpert durch arrivierte KollegInnen und PEN-Mitglieder, die als „Botschafter des VS“ gewonnen werden könnten, um neben den gewählten Mitgliedern von Bundes- und Landesvorständen öffentlichkeitswirksam „präsent“ zu sein in der Wertediskussion.

Der Mut und die Möglichkeit, eigenständig – wie in der Vergangenheit – Position zu aktuellen Fragen zu beziehen, bei aller solidarischen Verbundenheit und finanzieller wie administrativer Anbindung unter dem großen ver.di-Dach. Das Etikett „grauer Gewerkschaftsverein“ scheint unter nachwachsenden Intellektuellen und Kreativen wahre Fluchtreflexe vor dem VS auszulösen.

Neben der geistigen Auseinandersetzung mehr konkrete Schritte, um (kritische)  Gegenwartsliteratur und ihre Protagonisten im Rahmen des VS zu vermitteln – nicht zuletzt an Schulen, wo sich mit der zunehmend stärkeren Ganztagsbetreuung ein weites Feld für langfristig angelegte Kooperationsprojekte eröffnet (siehe z.B. Aufruf an alle Schriftsteller, Autoren, Erzähler und andere Wort-Künstler in Bayern ).

Die Anregung, auf strukturelle Probleme und notwendige gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren, traf sich mit der Bemerkung von Imre Török, man sei sich im Bundesvorstand ziemlich einig, dass eine Reihe von VS-Strukturen geändert werden müssten, noch sei allerdings nichts spruchreif.

Das hinderte die Anwesenden ganz und gar nicht, ihre spontanen Vorschläge dazu vorzustellen. Das Spektrum reichte von „neue Bündnisse schmieden“ und „ver.di stärker in die Pflicht nehmen“ über „Kontakt zu literaturinteressierten Politikern pflegen“ bis zur persönlichen Ansprache (Modellbrief „Willkommen im Club!“) all jener, die gerade ihr erstes Buch veröffentlicht haben. Und dann die immer wieder neu geborene Idee, eine Art Kandidatenstatus für interessierte, vielversprechende Talente vor Veröffentlichung ihres ersten eigenständigen Werkes zu schaffen ...

Quo vadis, VS? Die stets berechtigte Frage wurde vor bald 40 Jahren zum ersten Mal gestellt. Zu den erhofften substantiellen Antworten kam es diesmal noch nicht. Aber ein guter Anfang wurde gemacht – sofern die Fortsetzung folgt. Bitte bald.

Lore Schultz-Wild




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