Dem Magus im Süden

Unserem Mitglied Paul Wühr zum 80. Geburtstag

© Foto: Isolde Ohlbaum

„Das Gedächtnis der Poesie ist lebendig und hört mit Erzählen einfach nicht auf“, sagte Paul Wühr in seiner Dankesrede zum Bremer Literaturpreis 1984. Und zehn Jahre später schreibt er in den „Luftstreichen“, dass Poesie die Erinnerung daran ist, das ungelöst bleibt, was durch Entscheidungen gelöst worden ist. Um die Poesie und ihre Kraft dreht sich alles im Werk Paul Wührs, ihr ordnet sich alles unter, mit und durch sie wird alles möglich und unmöglich. Sie ist für Wühr Abenteuer und Verfehlung, vertritt keine Ideale, ist randständig und stinkt zuweilen, gibt sich selbstreflexiv, politisch subversiv – und passiert einfach und hört nicht auf. Für den Sprachskeptiker Wühr ist sie „die Muttersprache des menschlichen Geschlechts“ und in Anlehnung an Johann Georg Hamann, den von Wühr bewunderten Magus in Norden, „eine natürliche Art der Prophezeyung“. Bewundernswert ist die Konsequenz, mit der Wühr in fünfzigjähriger Schreibarbeit einen literarischen Kosmos, bestehend aus Großgedichten und Hörspielen, geschaffen hat, um der Poesie mit nahezu unerschöpflicher Sprachkraft immer wieder aufs Neue zu huldigen. Ein „work in progress“, das sich mit unbeugsamer Widerständigkeit der Wirklichkeit zu verweigern sucht, und gewissermaßen in seiner Radikalität eine Zu-Mutung für Leser, die nur mit Geduld diese Bilder entschlüsseln können. Um Paul Wühr, der am 10. Juli 2008 achtzig Jahre alt wird, hat sich eine Gemeinschaft aus Autoren und Literaturwissenschaftlern gebildet, die sich regelmäßig an den Lago Trasimeno in Umbrien, wo der Ur-Münchner Wühr seit 1986 lebt, begibt und dort philologische Exegesen des monumentalen Ouvres betreibt.

Wühr übersetzt Philosophie in Sprache, beschäftigt sich wissenschaftlichen und theoretischen Denksystemen (z. B. von Hannah Arendt, Kant, Alfred N. Whitehead, Niklas Luhmann), strukturiert diese Fiktionen um, paraphrasiert und persifliert sie, schreibt sie ein in einen Strom von Rede und Gegenrede. Er negiert feste Raum-Zeit-Strukturen, schneidet und bricht respektlos, verdichtet zu komplexen Sprachfeldern in seiner Not und Lust, Worte zu finden. Er setzt Löcher und reißt Lücken, entwirft Spielanleitungen und Versuchsanordnungen („Figurationen“), ohne dabei Konzepte, Hierarchien oder gar Botschaften vermitteln zu wollen. „Eine falsche Sprache, wie ich sie verstehe“, sagt Wühr, „setzt sich nicht in Widerspruch zu Richtigem. Sie will nicht überzeugen, sie belehrt  nicht, sie teilt nichts mit. Ihr Stoff ist zwar der allgemeine, aber sie versetzt sich mit ihm in den Schwebezustand, der endgültige Aussagen über und unter sich lässt.“ Wühr stellt Fragen, auch dumme, schreibt bewusst absichtslos und weist mit seinen selbstredenden Phantasien ins Offene und Freie. „Bei mir fragt jeder, wie man meine Bücher nennen soll – nicht, weil sie viele Gattungen vermischen, sondern weil sie Poesie sind, weil sie sich radikal im Nebenhalt befinden. Daneben. Nicht zwischen den Stühlen, einfach daneben.“

Für den Bäckerssohn aus München bleibt seine Heimatstadt eine bestimmende Topographie. Wenn er seine Sätze durch den Sprachwolf dreht, sie knetet und auf die für ihn bezeichnende Weise verschlungen „wie Brezen“ kombiniert, schielt sein Blick bei aller Abstraktheit immer nach der „Wörterstadt“ München, die selbst in seinem umbrischen Schreibzimmer noch ganz gegenwärtig geblieben ist. Seit „Gegenmünchen“ (1970), diesem „anarchistischen Epos“ (Jörg Drews), verortet Wühr seine szenischen Collagen und Stadtreisen gerne in den Erlebnisräumen seiner Kindheit und Studentenzeit. Bis zu seiner durch einen Herzinfarkt erzwungenen Frühpensionierung war er 30 Jahre lang als Volksschullehrer in Gräfelfing bei München tätig gewesen, lebte lange in Schwabinger Literaturkreisen und gründete mit seiner späteren Frau Inge Poppe 1973 die erste genossenschaftlich organisierte Buchhandlung, die „Autorenbuchhandlung“ in Schwabing. Als Autor gelangte er erst in den sechziger Jahren an die literarische Öffentlichkeit (ein Teil seines Frühwerks ist noch immer unveröffentlicht). Seit Jahren gilt er als Geheimtipp, verkauft relativ wenig Bücher und erschreckt seinen Verleger Michael Krüger mit dicken Text- und Tagebüchern. In Kollegenkreisen schätzt man den eigensinnigen Wortakrobaten, vergleicht ihn mit Friederike Mayröcker und Ernst Jandl. Helmut Heißenbüttel verhalf ihm 1984 zum „Bremer Literaturpreis“, Ludwig Harig 1990 zum Ernst-Meister-Preis und Peter Handke im gleichen Jahr zum Petrarca-Preis. Heißenbüttel begründete die Entscheidung für „Das falsche Buch“ wie folgt: „Paul Wühr ist es in überzeugender Weise gelungen, von einem räumlich festgelegten Schauplatz – es ist die Münchner Freiheit am Ende der Leopoldstrasse – das Welttheater unserer Hoffnungen an der Gegenwart zu messen. Wenn er von einem „Falschen Buch“ spricht, so meint dies den freien dichterischen Entwurf gegenüber der festgelegten und sich festlegenden Gegenwart, die vor lauter Sachzwängen die Chance der Freiheit übersieht. Die Geduld, die Paul Wühr von seinen Lesern verlangt, schenkt, was heute sehr selten geworden ist, Mut zu alles umfassender Phantasie, Mut zur poetischen Logik in einer systemerstarrten Welt.“

Die Zusammenhänge, in die Wühr seine Texte stellt, sind vieldeutig und lassen unterschiedliche Lesarten zu. Sie erscheinen so in höchstem Maße kalkuliert und doch assoziativ offen. In der Konfrontation mit der realen Wirklichkeit, in der Zuspitzung und Bezweiflung jeglicher (Sprach-)Konvention entsteht erst seine Welt der Poesie, seine „Anschläge auf den eitlen Rationalismus der Wirklichkeitsverwalter“ (Eberhard Falcke). Dass er bei aller konzentrierten Ernsthaftigkeit gerne lakonisch wird und respektlos ironisiert, entspricht seiner bayerischen Mentalität. Wie heißt es doch in den „Luftstreichen“: „Meine Taufe war am 11. November. Ich heiße Poesie.“


Herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag!


Thomas Kraft







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