Nachruf: Wolfgang Bächler

Am 24. Mai 2007 ist unser geschätzer Kollege Wolfgang Bächler im Alter von 82 Jahren verstorben.

Wir trauern mit den Angehörigen und gedenken eines großartigen Lyrikers und Prosaisten.

 

Die Trauerfeier findet am 31. Mai um 14.30 h im Krematorium, St.-Martin-Straße, München, statt.





Nachruf: Ein Dichterleben auf deutschen Trümmern


[25.05.2007] Viele Jahre lebte Wolfgang Bächler in einem jener Münchner Häuser, die in den fünfziger Jahren auf den Trümmern des letz­ten Krieges erbaut worden waren. „Beachler” stand auf dem Klingelschild, nicht „Bächler”.

Es gab immer zwei Bächlers, den bejahenden und den verneinenden, den euphorischen und den bedrückten, einen „Bächler“ und einen „Beachler“, den nur seine Ärzte und Leser kannten. Beide Bächlers sind nun tot, beide leben in seinen, in ihren Büchern fort, der Traumdichter und der Trümmerpoet.

An seinen Wänden hingen auch in späten Jahren keine Gainsboroughs, dafür ein HAP Grieshaber. Vieles von und um Wolfgang Bächler vernichtete ein Brand. Was fremde Helfer vielleicht gegen seine innere Stimme an Materiellem retteten konnten, überließ er dem Literaturarchiv seiner Wahl- und Qualheimat München; ein Vorlass, der jetzt zum Nachlass geworden ist, wichtig nur für uns Leser.

Bächler war auch Bohèmien, eine „Schwabinger Figur“, die es allerdings vorgezogen hatte, im Dreieck zwischen Technischer Universität, Hauptbahnhof und Pinakotheken zu wohnen, nicht im noblen Schwabing. Aus Vernunft und aus Verletzbarkeit verstand sich Bächler als links. Zeitlebens stellte sich der Bürgersohn gegen die Außenwelt mit ihren Obrigkeiten, ihrem Kommerz. Sie stand für die Welt seines Vaters, eines hohen Juristen.

Wolfgang Bächler wurde 1925 in Augsburg geboren und wuchs in Bamberg, München und Memmingen auf. Volkschule, Gymnasium, eine durchaus bürgerliche Biographie. Doch folgten auf Fa­conschnitt und Knickerbocker schwarzer Cord und Baskenmütze. Sie waren Accessoires von Bächlers Begeisterung für alles, was nichts mit der streng geordneten Welt seines Vaters zu tun hatte, .für Kunst, Theater und Literatur. Einen Brief an den Vater schrieb er nicht, auch nahm er keinen Abschied von den Eltern oder wurde zum leidenschaftlichen Kritiker von Militär, Justiz und Staat. Das alles lag ihm nicht. Wolfgang Bächler schrieb Gedichte und fand für seine Ablehnung einer Welt aus Geld und Macht stille Töne, pastellene Sprachbilder und schillernde Traumprotokolle. Nach Krieg und Kahlschlag lud ihn die Gruppe 47 als Jüngsten zu ihren Wortgefechten ein. Er fühlte sich geschmeichelt, doch auch Dichtertrefffen waren seine Sache nicht. Bächler entzog sich der Außenwelt und flüchtete in eine Innenwelt wie sie die schreibenden Psychiater Oskar Panizza und Walter Vogt, Klaus Katzenberger und Heinar Kipphardt ausgeleuchtet haben: Der Irrsinn, wenn er epidemisch wird, heißt Vernunft. Das Irrenhaus ist ein Ort völliger Freiheit, ein Refugium um die verrückte Welt vermeintlich Normaler nicht länger ertragen zu müssen. Schreiben diente Bächler, so lange er Worte fand, auch als Selbsttherapie.

 

„Zwischen den rauchenden Kratern der Kriege,

zwischen dem Ruß der Rüstungsfabriken,

den Dunstglocken über den Dächern der Städte,

zwischen den Nebeln der Dämmerungen,

zwischen den giftigen Gasen

und radioaktiven Strahlen

trägt die Erde noch Laub

auf dem Weg um die Sonne,

trägt unser Stern noch Grün

durch das Grau und das Grauen,

tausendsäulig und tausendarmig gestützt.“

 

Zweiundachtzig Jahre lebte Wolfgang Bächler als Gast auf dieser Erde, als „Fremder mit leichtem Gepäck":

 

„Und sie trägt auch mich,

diese Erde,

vaterlos, säulenlos, götterlos,

einen gewittergeborenen Gast“.

 

Michael Bauer







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