Geschichte des VS, Teil 6
Die 90er: Erstes deutsch-deutsches Schriftstellertreffen
Hannover, 17.- 18. Februar 1990
Etwa 70 Autorinnen und Autoren treffen sich aus beiden Teilen Deutschlands; vor dem außerordentlichen Schriftstellerkongress des SV der DDR im März sollen die Schriftsteller in Vorträgen und persönlichen Gesprächen sich über rechtliche und soziale Fragen im Hinblick auf die mögliche Vereinigung der beiden Teile Deutschlands informieren können. Die Teilnehmer sind der Meinung, dass man weiterhin zwei Verbände brauchen werde, um die Probleme der nahen Zukunft lösen zu können. Eine Resolution wird verabschiedet. Auszug: „Mit Sorge beobachten die anwesenden Autoren, dass bei den gegenwärtigen Verhandlungen zwischen beiden deutschen Staaten vor allem ökonomische und außenpolitische Interessen im Vordergrund stehen, die alle Autoren bewegende Frage dagegen ausgeklammert wird, was der Einzug der Marktwirtschaft für die gewachsene Kulturlandschaft der DDR bedeutet. Kulturpolitische Konzeptionen für die Zukunft aller beteiligten Gruppen und Parteien in Ost und West sind bislang nicht erkennbar.”
Dichtertreffen in Weimar 1990
Auch die Idee einer literarischen Begegnung ist von Anfang an da, sie bedarf einer längeren Vorbereitungsphase und kann erst im Oktober realisiert werden. (Beschlossen wurde das Dichtertreffen in Weimar im Hamburger Besenbinderhof, dem Ort des Schriftstellerkongresses „Entwicklungsland Kultur”). Zwei Tage lang (23.-25.10.1990) diskutieren Ost- und West-Autoren über ihre Texte, Bücher und über kulturpolitische Themen. Bei einer öffentlichen Veranstaltung im Deutschen Nationaltheater lesen Volker Braun, Heinz Czechowski, Ludwig Harig, Wolfgang Hilbig, Helga Schütz und Martin Walser.
Literaturkreuzfahrt rund um die Ostsee
Die Idee von Axel Thormälen, dem Sprecher der VS-Auslandsgruppe, eine Schriftstellerreise rund um die Ostsee zu veranstalten, wird vom schwedischen und St. Petersburger Schriftstellerverband aufgegriffen. Die Kulturkreuzfahrt wird von den Schriftstellerverbänden aller Ostseeanrainerstaaten unterstützt und findet unter Beteiligung von Autoren aus den Ostseeländern vom 24.2 bis 9.3.1992 statt.
Die umfassende Darstellung der Arbeit des VS-Bundesvorstands nach dem 9. Kongress enthalten die Berichte von Uwe Friesel, den Vorstandsmitgliedern und der Bundesgeschäftsführerin, die in der Buchveröffentlichung von 1992 „Komm! in Offene, Freund!„ vorliegen.
VS und SV (DDR) / Der erste gesamtdeutsche Schriftstellerkongress in Lübeck-Travemünde 1991
Schriftstellerverband (SV) der DDR nach 1989 bis zur Auflösung
Nach dem Rücktritt von Hermann Kant, dem Präsidenten des SV, wird im März auf einem außerordentlichen Verbandskongress der Schriftstellerverband auf demokratischer Satzung neu gegründet, Rainer Kirsch zum Vorsitzenden gewählt. Der SV nimmt seinen ehemaligen Namen „Deutscher Schriftstellerverband” an.
Per Mitgliederentscheidung (an der 558 von 1061 Mitglieder beteiligt sind) beschließt dieser seine Auflösung zum 1. Januar 1991.
Am 23. Februar konstituiert sich in Mecklenburg-Vorpommern der erste VS-Landesverband in den neuen Bundesländern, in den folgenden Monaten entstehen die weiteren Landesverbände.
Zusammenarbeit SV und VS
Der Vorsitzende des Ostverbands Rainer Kirsch und seine beiden Stellvertreter Joachim Walther und Bernd Jentzsch werden in den Bundesvorstand des VS kooptiert, beraten und arbeiten mit. Nach der Auflösung des Deutschen Schriftstellerverbands entscheiden sich 600 Autorinnnen und Autoren durch Einzelbeitritt für die Mitgliedschaft im VS.
Komm! ins Offene, Freund! (Hölderlin) - Der zehnte (erste gesamtdeutsche) Kongress des VS in der IG Medien
Unter dem Motto „Komm! ins Offene, Freund!„ aus dem Gedicht „Der Gang aufs Land” von Friedrich Hölderlin, findet vom 24. bis 26. Mai 1991 der erste gesamtdeutsche Kongress des VS in Lübeck-Travemünde statt. Der Kongress wählt Uwe Friesel zum VS-Vorsitzenden, seine Stellvertreter werden Wolfram Dorn und Klaus-Dieter Sommer, die Beisitzer heißen Dieter Mucke, Thomas Reschke, Beate Morgenstern und Erasmus Schöfer.
Reden, Ansprachen, Berichte
Ansprachen von Prof. Dr. Hans-Peter Bull (Innenminister des Landes Schleswig-Holstein), Ulrich Meyenborg (Senator für Kultur und Bildung der Hansestadt Lübeck), Rolf Herbertz-Stoll (Mitglied des Geschäftsführenden Hauptvorstandes der IG Medien), Björn Engholm (Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein)
Reden über die Rolle von Schriftstellern und Intellektuellen in Ost und West von Dr. Wolfgang Schäuble (Bundesminister des Innern) und Stefan Heym:
„Was hat denn die Menschen angetrieben die letzten Jahrhunderte hindurch, unseres inklusive? Was treibt sie, vor siebzig oder achtzig Jahren schon, das Abenteuer des Sozialismus zu versuchen, und später dann, als sich da die Strukturfehler aufs scheußlichste zeigten, nach neuen Wegen Ausschau zu halten, die oft genug die alten Wege waren? Die Suche nach einer heilen Welt. Und wenn Sie die Bücher lesen unserer Zeit und die Theaterstücke sehen und die Filme, so werden Sie dieses Motiv immer wieder reflektiert finden, diese Sehnsucht, diese Suche. Und ich glaube nicht, dass irgend ein Heutiger, West oder Ost, in seiner literarischen Arbeit sich dem ganz entziehen kann, und ich hoffe, dass es uns gelingen möge mitzuhelfen, dass alle Menschen bei dieser ihrer Suche ein Stück vorankommen.„
Kongress-Berichte:
Sabine Herholz, Geschäftsbericht
Wolfram Dorn, Weimarer Dichtertreffen 1990 / Erhaltung des Literaturinstituts Leipzig
Imre Török, Förderkreise / Autorenfortbildung / „Publizistik & Kunst”
Regine Kress-Fricke, Aktivitäten der Schriftstellerinnen
Erasmus Schöfer, Zur Lage der freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Medien
Joachim Walther, Opfer und Täter
Uwe Friesel, Rechenschaftsbericht des Vorsitzenden
Bildung der Geschichtskommission zur Aufarbeitung der Verbandsgeschichte des SV der DDR und des VS
Als „wichtigsten Antrag nicht nur für das Weiterarbeiten, sondern auch für das Selbstverständnis dieses Verbandes” (Uwe Friesel) beschließt der 10. Schriftstellerkongress die Einsetzung einer Geschichtskommission, deren Aufgabe die Aufarbeitung der Geschichte der beiden deutschen Schriftstellerverbände ist. Die Kommission hat zwölf Mitglieder und ist paritätisch aus jeweils sechs AutorInnen aus den alten und neuen Bundesländern zusammengesetzt. Sie hat Zwischenberichte vorgelegt und wird auf dem 11. Schriftstellerkongress in Aachen (28.4. - 1.5.1994) die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentieren.
Vgl. auch „Erinnerung als Aufgabe - Anmerkungen zur Geschichtskommission des VS” von Norbert Gansel, in: Kunst & Kultur Nr. 2 / März 1994 und Joachim Walther u.a., „Protokoll eines Tribunals”