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Geschichte des VS, Teil 5

Die 80er: Weitere Kongresse, Themen, Ziele, Auseinandersetzungen, Krisen


Wie der Vorsitzende Horst Bingel auf dem 3. Kongress schon voraussagte, ist die Zeit Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre von „geduldiger Kleinarbeit” geprägt. Diese „Kuli-Tätigkeit im VS” (Jürgen Lodemann) leisten folgende Vorstände (und natürlich zahllose nichtgenannte Mitglieder des VS):

Carl Amery (Vorsitzender), Ingeborg Drewitz (Stellvertreterin), Josef Reding (Stellvertreter), Klaus Birkenhauer, Irmela Brender, Peter O. Chotjewitz, Uwe Friesel (Beisitzer), gewählt auf dem a.o. Bundesdelegiertenkonferenz Stuttgart, 22.-23.1. 1976

Bernt Engelmann (Vorsitzender), Ingeborg Drewitz (Stellvertreterin), Josef Reding (Stellvertreter), Carl Amery, Klaus Birkenhauer, Peter O. Chotjewitz, Johannes Stumpe (Beisitzer), gewählt auf dem Schriftstellerkongress Dortmund, 20.- 21. 5. 1977

Bernt Engelmann (Vorsitzender), Carl Amery, Peter O. Chotjewitz (Stellvertreter), Irmela Brender, Gerd E. Hoffmann, Werner Peterich, Jo Pestum (Beisitzer), gewählt auf dem Schriftstellerkongress München, 1.-2. 3. 1980

Bernt Engelmann (Vorsitzender), Jürgen Lodemann, Gerd E. Hoffmann (Stellvertreter), Irmela Brender, Angelika Mechtel, Rainer Petto, Karlhans Frank, Svende Merian (Beisitzer), gewählt auf dem Schriftstellerkongress Mainz, 11.-13. 3. 1983

Hans Peter Bleuel (Vorsitzender), Erich Loest, Gert von Paczensky (Stellvertreter), Jochen Kelter, Renate Chotjewitz-Häfner, Karin Hempel-Soos, Martin Buchhorn (Beisitzer), gewählt auf der Bundesdelegiertenkonferenz Saarbrücken, 31.3.- 1.4. 1984

Hans Peter Bleuel (Vorsitzender), Max von der Grün, Jochen Kelter (Stellvertreter), Lenelotte von Bothmer, Wolf Peter Schnetz, Angela Hoffmann, Gert von Paczensky (Beisitzer), gewählt auf dem Schriftstellerkongress Berlin, 14.-15. 5. 1986

Anna Jonas (Vorsitzende), Josef Reding, Angela Baumann (Stellvertreter), Günter Grass, Klaus Birkenhauer, Karlhans Frank, Johano Strasser (Beisitzer), gewählt auf der a.o. Bundesdelegiertenkonferenz Hamburg, 24.- 26. 9. 1987

 

Zu wichtigen Themen werden u.a. die Tarifpolitik, das Urheberrecht (Copyright), die Hilfe der Schriftsteller bei der Resozialisierung, Lesungen im Gefängnis, es erscheinen die Bände „VS vertraulich”. F.J. Strauß nennt Schriftsteller (und insbesondere Bernt Engelmann) „Ratten” und „Schmeißfliegen”. Heinrich Böll, selber von rechten Medien attackiert als Wegbereiter des Terrorismus („Die verlorene Ehre der Katharina Blum”), sagt nach monatelanger Bettlägerigkeit seine Teilnahme am 5. Schriftstellerkongress ab und schreibt an Engelmann: „Unvermeidlicherweise werden Sie sich auch mit Zoologie und deren Unterdisziplin Insektenkunde beschäftigen müssen, eine zu diesem Zeitpunkt wichtige Nebensache, die uns die Hauptsache nicht vergessen machen sollte: dass wir Autoren sind, freie Bürger der Bundesrepublik Deutschland.”

Neben dem inzwischen sehr schwierig gewordenen Verhältnis zwischen Politik und Literatur werden auch die Auseinandersetzungen innerhalb des VS intensiver, leider oft mit persönlichen Verletzungen und Diffamierungen verbunden. Immer wieder neu stellt sich die Frage nach der Gewichtung in der VS-Arbeit: Sozialpolitik für die Autoren, allgemeine politische Stellungnahmen, „reine” Literaturpolitik.

Diskussionen und Auseinandersetzungen gibt es auch im Zusammenhang mit dem Verhalten des VS gegenüber Schriftsteller-Dissidenten aus der DDR einerseits, zu den offiziellen Schriftstellerverbänden bzw. Regierungen in Osteuropa andererseits. Dem VS(-Vorstand) wird Anbiederung bei den östlichen Machthabern oder gar Klüngelei mit stalinistischen Verbrechern vorgeworfen, Vernachlässigung der aus der DDR ausgewiesenen Autoren, Verharmlosung des Terrors im Realsozialismus. Dabei wird das Engagement etwa Bölls in Sachen Solschenizyn
(u.a. Autoren aus dem Osten) gerne übersehen. Es gibt viele weniger spektakuläre Fälle; außerdem Autoren aus der DDR, die im VS sehr aktiv werden (z.B. Udo Steinke, der über viele Jahre VS-Vorsitzender in Schleswig-Holstein ist).

Auch über die Frage der gewerkschaftlichen Organisierung der Schriftsteller, anfangs von Grass, Walser u. a. heftig gefordert, gibt es kurz vor der Verwirklichung der IG Medien schwerwiegende Auseinandersetzungen.

Günter Grass, Anna Jonas und weitere (hauptsächlich Berliner) Autoren lehnen die große Mediengewerkschaft ab und fordern eine eigene Autorengewerkschaft unter dem Dach des DGB. Es kommt zum Eklat auf dem Kongress in Stuttgart 1988, Vorstandsmitglieder wie Anna Jonas, Günter Grass, Karlhans Frank und andere (ca. 50) Autoren verlassen den VS. Wohl zurecht werden Schriftstellerkongresse dieser Jahre (vor allem 1984, 1988) von der Presse, der Öffentlichkeit und von vielen im VS als „Schlammschlachten” wahrgenommen.

Die VS-Geschichtskommission ist seit 1991 damit beschäftigt, die Geschichte des VS und des SV (DDR) in der Zeit vor 1989 aufzuarbeiten.

Volker Erhardt (Sprecher des kommissarischen Bundesvorstands) und Uwe Friesel, VS-Vorsitzender nach dem 9. Schriftstellerkongress (beide waren schon bei dem zweiten Kongress in Hamburg dabei, als der VS sich für den Anschluß an die IG Druck und Papier entschieden hatte) übernehmen die schwierige Aufgabe, im VS integrativ zu wirken und den eingeschlagenen Weg in die Mediengewerkschaft fortzusetzen.

Denn trotz der etwa fünfzig (schmerzlichen) Austritte und z. T. bösartigster Medienschelte ist die große Mehrheit der Schriftsteller/Innen des VS zum Verbleib in der Gewerkschaft bereit.

Vier Fünftel der Delegierten in Stuttgart im Dezember 1988 fordern den VS-Vorstand auf, „weiter energisch dafür einzutreten, dass die Voraussetzungen für eine authentische Interessenvertretung der Schriftsteller in der IG Medien verbessert werden und die IG Medien insgesamt zu einem wirkungsvollen tarifpolitischen und kulturpolitischen Instrument gestaltet wird.”

Im April 1989 erfolgt dann die Gründung der IG Medien.

In der IG Druck und Papier waren Schriftsteller  und Journalisten die einzigen „künstlerisch-publizistischen” Fachgruppen, in der IG Medien sind mehrere künstlerische und publizistische Fachgruppen (u.a. Bildende Kunst, Musik, Darstellende Kunst) mit Druckern, Papierverarbeitern usw. in einer Gewerkschaft vereinigt, unter Wahrung der Eigenständigkeit des Berufsverbands VS.


 

Konsolidierungsphase /  VS in der IG Medien seit 1989

 

Kommissarischer Bundesvorstand (KBV)

Dezember 1988 - September 1989 (9. Schriftstellerkongress)

Nach dem Eklat gelingt es auf dem Kongress in Stuttgart nicht, einen neuen VS-Vorstand zu wählen. Die Delegierten fordern die Landesverbände auf, durch Delegation eines ihrer Mitglieder die Arbeit des Bundesvorstands bis zu Neuwahlen nach dem Umwandlungskongress der IG Medien zu übernehmen.

Mitglieder des KBV: Lore Schultz-Wild (Bayern), Hannes Schwenger (Berlin), Reinhold Dey (Hamburg), Renate Chotjewitz-Häfner (Hessen), Volker Erhardt (Niedersachsen), Volker W. Degener (NRW), Wendel Schäfer (Rheinland-Pfalz), Arnfried Astel (Saarland), Udo Steinke (Schleswig-Holstein), Eike Schönfeld (Übersetzer), Axel Thormälen (Auslandsgruppe), Imre Török (BaWü)

Der  KBV  führt die Verhandlungen, die der vorangegangene VS-Vorstand begonnen hat, mit der Gewerkschaft Druck und Papier weiter, vor allem geht es um jene Eigenständigkeit des Schriftstellerverbands in der Gewerkschaft, die von den Autoren schon in der Anfangsphase des VS, trotz der immer wieder betonten Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisierung, gefordert wurde. Gerade einer der entschiedenen Verfechter gewerkschaftlicher Organisierung bei den ersten Kongressen, Günter Grass, verließ den VS ja mit der Befürchtung, der Schriftstellerverband würde in der großen Mediengewerkschaft untergehen, gar mundtot gemacht werden. Detlef Hensche (IG Druck und Papier, inzwischen Vorsitzender der IG Medien) schreibt nach den spektakulären Austritten: „Der Bruch tut weh. Er schadet allen außer denen, die aus unserer Uneinigkeit Nutzen ziehen. (...) Wir werden die Auseinandersetzung mit Problemen und Inhalten der Literatur aufgreifen müssen. Auch in der Gewerkschaft. Mag sein, dass der Streit am Ende doch noch produktive Folgen hat.”

 

Autoren-Stimmen 1989 :

Jürgen Lodemann:

„Ich hab´ im VS-Bundesvorstand unter Engelmann hautnah mitbekommen, was es heißt, geballtem NichtVerstehen ausgesetzt zu sein - immer wieder dem Mißverständnis dieses Verbandes als eine LiteraturGruppe. Peter Rühmkorf hat das kürzlich unübertrefflich auf den Punkt gebracht. Solange nicht nur die Feuilletons nicht begreifen, was die Fachgruppe VS ist und soll, sondern auch namhafte Autoren, sehe ich wenig Aussichten für eine wirksame VS-Arbeit. Aber diese Kuli-Tätigkeit gehört halt wiederum zu dem GanzUnten, für das sich die meisten GroßSchreiber zu fein sind, aus dem sie sich heraushalten. So ist dann leider auch die Literatur, die man von ihnen zu lesen kriegt.„ („die feder“)

 

Peter Rühmkorf:

„Die viel beschworene `Einigkeit der Einzelgänger´ ist ein Glaubensartikel, die geringe Solidarisierungsfähigkeit von Schriftstellern eine Erfahrungstatsache. Da ich einen von Verwertungsinteressen gelenkten Zweckverband nicht mit einer Vortragsbühne für meine inneren Stimmen verwechsele, fällt mir der Eintritt in die IG Medien leicht und der Abschied von dem alten Tante-Anna-Laden VS wie ein Stein vom Herzen. (...) Ein bisschen mehr Egalität wäre schon gut - die Freiheit eines Einzelgängers muß sich jeder für sich herausnehmen.„ („FAZ“)

 

Martin Walser:

„Wir, die Schriftsteller, meine ich, müssen uns ein bisschen zuständig fühlen für das, was der öffentlichen Meinung passieren kann in den Händen von Medien-Glücksrittern und Einflußnehmenden aller Art. Wenn die öffentliche Meinung in den Händen derer ist, die durch sie kontrolliert werden sollen, dann ist - um im Bilde zu bleiben - das Nervensystem unter Vollnarkose.
Es ist klar, jeder, der nicht in den Schriftstellerverband, nicht in die Mediengewerkschaft eintritt, erspart sich die Erfahrung der Praxis, die Mühsal des Konkreten, die Gemeinheit der Tagesordung. Der Weg zur Mediengewerkschaft ist schon ganz schön markiert mit Abspringern und Ausscherern und Abgeschreckten. Ich habe mich manchmal darüber gewundert, wie laut manche Schriftsteller aus dem Verband ausgetreten sind und wie leise sie drin waren.„ („FAZ“)

 

Bernt Engelmann:

„Fälschlich Totgesagte leben meist, so heißt es, ganz besonders lange. Demnach könnte sich der Verband deutscher Schriftsteller (VS), dem seit seiner Gründung vor zwanzig Jahren schon dutzendmal letzte Zuckungen, Tod und Begräbnis nachgesagt worden sind, nachgerade ein methusalemisches Alter erhoffen, und zwar nunmehr in der Industriegewerkschaft Medien, Kunst, Druck und Papier, deren organisatorischer Zusammenschluß im April auf ihrem ersten Kongress in Hamburg seinen Abschluß finden wird.
Auch die Mediengewerkschaft galt seit ihrer gedanklichen Zeugung im November 1970, als Martin Walser namens des VS eine `IG Kultur´ forderte, als totgeborenes Kind. (...) Bei alledem scheint, neben berechtigter Skepsis, hie und da auch Wunschdenken mit im Spiel zu sein, sowohl was den so oft totgesagten VS betrifft als auch, was die Zweifel an der Lebendgeburt der IG Medien angeht. Für diese Annahme spricht auch die Tatsache, dass von der jahrzehntelangen Zielstrebigkeit, zähen und durchaus erfolgreichen Arbeit des VS so gut wie nie die Rede ist, auch nicht von seiner - im Vergleich zu allen anderen Autorenschutzverbänden, die es hierzulande im 19. und 20. Jahrhundert gab, geradezu erstaunlichen - Stabilität. Hingegen wurde und wird jeder Konflikt im VS, diesem fast 2500 Mitglieder starken Berufsverband  - z. Zt. ca. 3200 -  der notorischen Einzelgänger, sensiblen Träumer und passionierten Querdenker, von unseren Medien stets zur finalen Katastrophe aufgebauscht.„ („vorwärts“)

Die Ergebnisse der Verhandlungen zwischen dem Kommissarischen Bundesvorstand und der Gewerkschaft im Vorfeld der Gründung der IG Medien zeigen, dass die Befürchtungen der Gegner der großen Mediengewerkschaft übertrieben waren.

„Wir hatten sie immer gefordert, diese `IG Kultur´, wie Martin Walser sie einst nannte. Warum sollten wir ihr just in dem Moment den Rücken kehren, wo wir sie mit so viel Mühe und unter dem Druck so vieler Mißverständnisse und unverhohlener reaktionärer Interessen endlich erreicht haben? Der letzte, der sogenannte ´Berlin-Vorstand´ mit Anna Jonas und Günter Grass haben eine Menge dazu beigetragen, dass wir heute mit so viel Rechten und personell stark in der Mediengewerkschaft vertreten sind”, konnte Uwe Friesel, neuer VS-Vorsitzender, nach dem 9. Schriftstellerkongress in Frankfurt (1989) feststellen.

 

Auf der Grundlage des Würzburger Kompromisses (4./5. Oktober 1988) zwischen VS und Gewerkschaft erreicht der KBV die vom Schriftstellerkongress geforderten Verbesserungen für eine authentische Interessenvertretung der Schriftsteller in der IG Medien.


Weitere Punkte und Auszüge aus dem Arbeitsbericht des KBV auf dem 9. Schriftstellerkongress, zusammengefasst und vorgetragen von Volker Erhardt:

„wir haben einstimmig die auffassung vertreten, dass die ausgetretenen kolleginnen und kollegen vom VS nicht als gewerkschaftsgegner behandelt werden dürfen, sondern haben unsererseits die bereitschaft erklärt, weiter mit ihnen zusammenzuarbeiten. es hat gespräche gegeben.

in der tarifkommission haben wir die politik der haustarifverträge bekräftigt.

gewerkschaftstag april 1989: auch die wichtige forderung des 8. VS-kongresses nach äußerungsfreiheit der fachgruppenvorstände wurde - gegen die empfehlung der antragsberatungskommission - verabschiedet.

erste bundesweite tagung zur literaturförderung in der bundesrepublik.

 


Europäischer Schriftstellerkongress - VS ist Gründungsmitglied:

„da die befürchtung besteht, dass bei den harmonisierungstendenzen in europa sich das britische recht durchsetzt, das den verwerter bevorzugt, urheber und verleger als `creators´ partiell gleichsetzt, wurde eine gemeinsame urheberrechtskampagne beschlossen und die einsetzung eines copyright-committees.

jeder austritt war ein verlust für den VS, ob namhafter autor oder nicht. wir sind schwächer als vorher, aber immer noch der einzige gewerkschaftliche autorenverband mit gewicht in der bundesrepublik. bei der absicherung und verbesserung der arbeits- und lebensbedingungen von autorinnen und autoren, bei der verbesserung der literatur- und kulturförderung, bei der entwicklung von programmen zur nachwuchsförderung und zur fachlichen weiterbildung von schreibenden, und nicht zuletzt bei der sozialen absicherung bei krankheit und im alter ist der VS heute auf seiten der literaturschaffenden der einzige ansprech- und verhandlungspartner von bedeutung.

wir haben versucht, eine möglichst gute grundlage für einen neuanfang zu schaffen, für ein `ende der zerstrittenheit´, für eine neue `einigkeit der einzelgänger´.”

 

Weitere Engagements:

 

Václav Havel

Mit drei Blumensträußen nach Prag protestiert der VS gegen die erneute Inhaftierung von Václav Havel. Er wird am 21. 2. 1989 zu neun Monaten Haft unter verschärften Bedingungen verurteilt, weil er einen Blumenstrauß auf dem Wenzelsplatz niedergelegt hat zur Erinnerung an den „Prager Frühling” (Selbstverbrennung von Jan Palach). Die VS-Blumen werden ins Gefängnis, zur Niederlegung auf dem Wenzelsplatz und an die Ehefrau geschickt, auf dem Gewerkschaftstag macht der VS eine Unterschriftensammlung und bringt eine Resolution an die Prager Regierung ein, die einstimmig verabschiedet wird.


Salman Rushdie

„Vielleicht werden wir `Kollegen´ erst lernen müssen, was Gewerkschaft ist. Kein schöngeistiger Debattierclub, sondern ein Interessendurchsetzungsapparat. Und keine moralische Instanz. Als Chomeini seinen Todesbefehl gegen Salman Rushdie erließ, haben die westlichen Schriftstellerverbände protestiert - nur nicht der VS. Es ist zweifelhaft, ob in Zukunft und in einem ähnlichen Fall die IG Medien einen Protest zustande brächten und ob er moralische Wirkung hätte.” Eines von vielen erschreckenden Beispielen, wie die Medien nach den Vorgängen in Stuttgart über den VS berichtet haben. Das  Zitat stand nicht in einem erzkonservativen Blättchen sondern in „Die Zeit”, geschrieben von ihrem Cheffeuilletonisten.

Zufällig trifft sich der KBV gerade in den Tagen zu einer Sitzung, als das barbarische Urteil bekannt wird, und reagiert sofort. Presseerklärung, Teilnahme an internationaler Anzeigenaktion, Kontakt mit der Gruppe um Günter Grass, zum Verlag Kiepenheuer & Witsch und einiges, was wegen der erweiterten Todesdrohung bis heute hier unerwähnt bleibt. Der VS in der IG Medien und der Vorsitzende Uwe Friesel fahren mit Unterstützungsaktionen für Salman Rushdie (u.a. bei der Buchmessendiskussion) fort.

 


Relitarisierung

Zum Thema „Der VS und die Literatur” führt der Kritiker Heinrich Vormweg bereits auf dem 5. Kongress in München aus:

„Es steht noch immer so, dass ich mit der Frage gegen einen seit der VS-Gründung weitergeschleppten Grundkonsens verstoße. Der wenn auch schon etwas durchlöcherte Konsens besagt, der Verband kümmere sich ausschließlich um die `sozialen, rechtlichen und ökonomischen Arbeitsbedingungen der Autoren´ , unabhängig von irgendwelchen literarischen Wertungen (...) Dieser jedenfalls formell aufrechterhaltene Konsens jedoch ist nach meiner Überzeugung nicht ausreichend, und hat nach meiner Beobachtung gerade auch den sozialen und politischen Zielen des VS sogar schon geschadet. (...) Und der VS als die trotz aller Rückschläge und Einschränkungen dennoch lebendigste Schriftstellervereinigung in der Bundesrepublik muß sich im Grunde nur noch ausdrücklich und mit dem Mut zu Weiterungen zu etwas bekennen, was er teilweise schon praktiziert. Faktisch nämlich ist zur Sozialpolitik und zur allgemeinen Politik im VS eine noch undefinierte Art von Literaturpolitik längst hinzugekommen. (...) Wozu ich dringlich animiere, das hat ganz gewiß nicht das geringste mit qualitativer Zensur zu tun. Sondern es meint qualifizierte, aufs Schreiben und auf Literatur bezogene Diskussion, Kritik und Anregung, auf die übrigens fast alle aktiven VS-Mitglieder geradezu scharf sind. Sie ist für viele von ihnen Mangelware.

Es besteht die Gefahr, dass die VS-Mitgliedschaft nach und nach zu einem Status-Symbol für Autoren wird, die anders im Literaturbetrieb noch nicht vorangekommen oder ganz und gar chancenlos sind. Während die literarisch schon qualifizierten, gar die literarisch `interessanten´ Autoren sich vom VS allzu oft lieber abkoppeln.„ (in: „Bestandsaufnahme“, 1980)

In der Einladung zur Pressekonferenz im Vorfeld des 9. Schriftstellerkongresses schreibt Volker Erhardt, dass nach dem Ende der Satzungsstreitereien der VS sich nun wieder um existenzielle Aufgaben kümmern müsse. „dazu wird neben sozial- und tarifpolitischen aktivitäten in der bundesrepublik und in europa und medien- und kulturpolitischen akzenten im rahmen der IG MEDIEN auch die weichenstellung für eine stärkere literarische und literaturpolitische profilierung des VS gehören.”

Dass die im KBV begonnene, u. a. von Arnfried Astel heftig geforderte und geförderte Diskussion von den folgenden VS-Vorständen weitergeführt und in die Tat umgesetzt wurde, zeigen spätere Veranstaltungen wie das Dichtertreffen in Weimar, die Literaturkreuzfahrt, die Zusammenarbeit mit der Bundesakademie in Wolfenbüttel, die Lesung mit Texten zum Golfkrieg, die Gründung des Dachverbands der literarischen Fördervereine usw.

Auf Landesebene sind allerdings VS-Literaturveranstaltungen und die organisatorische wie künstlerische Mitwirkung des VS bei kleinen und großen Literaturveranstaltungen seit vielen Jahren selbstverständlich.

 


Gründungskongress der IG Medien

 
Im April 1989 (8.-15.4.) findet in Hamburg der 1. Gewerkschaftstag der IG Medien - Druck und Papier, Publizistik und Kunst statt. Unter ihrem ersten Vorsitzenden Erwin Ferlemann kann die IG Medien ihre Arbeit aufnehmen. Ernst Breit, DGB-Vorsitzender: „Drucker und Tänzerinnen, Schriftsteller und Jongleure, Fernsehansagerinnen und Verpackungsmittelmechaniker geben hier zu erkennen, dass sie etwas gemeinsam haben und vieles gemeinsam wollen.” Ernst Breit ruft die IG Medien dazu auf, die literarische, künstlerische und journalistische Freiheit des einzelnen zu „verteidigen, erweitern, einfordern”.


Aus der Rede von Walter Jens auf dem Gründungskongress:

„Hier die streikerfahrenen zernarbten Erben Gutenbergs und dort die Einzelgänger, Leitartikelschreiber, Lyriker und Artisten aller Art; hüben die Majorität der Alteingesessenen und drüben die versprengten Grüppchen jener Novizinnen und Novizen, die nun nicht mehr für sich, sondern dem Ganzen eingemeindet sind: Nein, das geht nie und nimmer gut, sagen die Skeptiker - und vergessen dabei, dass sich in der IG Medien nach langer Vorarbeit, genauen Kalkulationen (und etlichen zum Teil vermeidbaren Pannen) eine Gruppe vereint hat, die gewiß auch Skepsis, aber mehr noch Hoffnung und Erwartung begleiten sollte: Endlich - spät, aber nicht zu spät - haben sich Intellektuelle und Arbeiter, Produzenten und erfahrene Sachverwalter auf dem Gebiet der Reproduktion, Männer und Frauen zusammengefunden, um der geballten Macht des Apparats, der Fangkraft der Monopole und der Herrschaft des großen Geldes die Erfindungskunst, den Einfallsreichtum und - auch das! - die List von zweihunderttausend Leuten entgegenzustellen (...)

Nein, machen wir uns nichts vor: Das Wort Kultur, zu Wilhelm Liebknechts Zeit im Zentrum einer auf Emanzipation der Unterdrückten zielende Bewegung stehend, ist, hundert Jahre später, in den Gewerkschaften zu einer marginalen Vokabel geworden, und eben dies muß sich ändern.

Die Gewerkschaften haben die Aufgabe, das von der Bourgeoisie verramschte deutsche Kulturgut zu bewahren und zu retten und aufzuheben. Das ist unsere Aufgabe! Die anderen tun es nicht.

Wir haben uns, anders als 1968, als die verwöhnten Kinder der Bourgeoisie den Arbeitern einzureden versuchten: Ach das bisschen Schiller, das ist eh nichts, an den Satz von Rosa Luxemburg zu erinnern: Entfremdet und entwürdigt ist nicht nur der, der kein Brot hat, sondern auch der, der keinen Anteil an den großen Gütern der Menschheit hat. (...)

Wir sind, sehr frei nach Ringelnatz, auf dem Weg von Hamburg nach Australien, gewiß noch nicht in Shanghai, doch immerhin, aller Anfang ist schwer, bereits in Altona. Ans Werk also, Kolleginnen und Kollegen - der Weg ist noch weit, aber er lohnt sich: für zivile Pioniere unseres Schlags.

Ich denke, man wird von ihr hören, bald und nachdrücklich - von der IG Medien als der genuinen Verfechterin jener lebendigen Arbeit, deren schrittweiser Verwirklichung, zum Nutzen von Menschlichkeit und Demokratie, uns allen in Befehlsform aufgetragen ist.”

 


Neunter Schriftstellerkongress des VS in der IG Medien

Frankfurt/Main, 8.- 10. September 1989


Nach den Vorbereitungen durch den KBV kann in Frankfurt nicht nur wieder ein Kongress ohne Schlammschlachten stattfinden (an Auseinandersetzungen hat es nicht gefehlt - aber das gehört wohl unabdingbar zu einem Schriftstellerkongress), auch ein funktionsfähiger Bundesvorstand und eine neue Geschäftsführerin werden gewählt.

Vorsitzender wird Uwe Friesel, seine Stellvertreter heißen Felix Huby (Eberhard Hungerbühler) und Arnfried Astel, Beisitzer sind Wolfram Dorn, Regine Kress-Fricke, Erasmus Schöfer, Imre Török.

Zur Bundesgeschäftsführerin wählt der Kongress Sabine Herholz. (Diese Stelle ist nicht an eine VS-Mitgliedschaft gebunden und wird öffentlich ausgeschrieben.)

Uwe Friesel schreibt nach dem erfolgreichen Kongress,

„dass die Forderung nach Relitararisierung an diese Bundesrepublik, an diese westliche Industriewelt insgesamt zu stellen sei. (...) Auf Gedeih und Verderb, scheint es, stecken wir alle bis zum Hals in dieser neuen Medienwirklichkeit. Wenn wir es da nicht schaffen, zu einer Allianz - zumindest der gemeinsam empfundenen Verantwortung - mit Schulen, Bibliotheken, Verlagen, mit unseren Journalistenkollegen, kurz allen, deren Medium die Sprache ist, zu kommen, dann wird nicht nur das Buch bald ausgedient haben, sondern dann wird auch, für künftige Generationen, weil es an der Fähigkeit mangelt, das gedruckte Wort überhaupt noch aufzunehmen, die Vergangenheit uns verlorengehen. (...) Ich denke, dass sogar das Aufkommen der Republikaner (...), dass diese ebenso geschickte wie gefährliche Mischung aus Etikettenschwindel und Dreistigkeit zusammenhängt mit der Un-Durchsichtigkeit der bewegten Bilder, die bei scheinbarer Sichtbarkeit und Evidenz des Vorgezeigten der Vereinfachung, ja der Lüge derart Vorschub leisten kann.„ („die feder“)

Reliterarisierung, Auseinandersetzung mit der aufkommenden Ausländerfeindlichkeit, die Rückgewinnung der aus dem VS ausgetretenen Autoren und die traditionellen VS-Aufgaben sind erste Punkte für den Neubeginn. Für Anfang Dezember 1989 wird eine Bundesvorstandssitzung in Berlin vereinbart, um das weitere Vorgehen im VS zu diskutieren. Bei dieser Sitzung - die Mauer in Berlin ist plötzlich offen - wird schon klar, dass vollkommen neue und unerwartete Aufgaben auf den VS zukommen. Spontan lädt der VS über den Vorstand des SV der DDR AutorInnen aus Ost-Berlin zu der Sitzung ein, die Einladung wird vom Ostvorstand nicht weitergeleitet, aber über andere Kanäle erreicht die Einladung doch viele Schriftsteller aus der DDR. Teils befangen und unbeholfen, teils schon in freudig erregter Aufbruchstimmung sitzt man in West-Berlin zusammen, die Zukunft ebenso unsicher wie die Gespräche und der Umgang zwischen deutschen und deutschen Autoren. Der Bundesvorstand des VS reagiert blitzschnell und organisiert für acht Wochen später das erste deutsch-deutsche Schriftstellertreffen unter den neuen Gegebenheiten.