Geschichte des VS, Teil 4
Die 70er: Schriftstellerkongresse in der Anfangsphase des VS / Aufbruchstimmung / Erfolge
Erster Schriftstellerkongress des VS in Stuttgart 1970 und die Ereignisse im Vorfeld
Das Thema des Stuttgarter Kongresses im November, das von Heinrich Böll in einer Rede ausgeführt wird, lautet: „Einigkeit der Einzelgänger”. Zuvor finden zahlreiche Besprechungen zwischen VS und Politikern/Gewerkschaftern statt.
Im November 1969 verhandelt der VS-Vorstand mit CDU-Kulturpolitikern über die Novellierung des Urheberrechtsgesetzes. Im Februar 1970 führen Günter Grass, Siegfried Lenz, Paul Schallück, Gerhard Zwerenz und Dieter Lattmann für den VS in Düsseldorf auf Einladung des Vorsitzenden Heinz Oskar Vetter Gespräche mit dem DGB, der u. a. seine Unterstützung der Urheberrechtsnovelle als Basis des geplanten Sozialwerks der Autoren zusagt. Unmittelbar darauf beschäftigt sich der Vorstand der SPD-Bundestagsfraktion mit den Forderungen der Schriftsteller, es kommt zu Beratungen mit dem VS-Vorstand in Bonn. Im März besprechen führende CDU-Politiker (u. a. Fraktionschef Rainer Barzel) die sozialen und urheberrechtlichen Forderungen der Schriftsteller mit einer VS-Delegation. Die erste Ausgabe der VS-Informationen erscheint. Auf der ersten Delegiertenversammlung des VS in der Bahnhofsgaststätte des Hauptbahnhofs Hannover (11.4.1970) kommen 27 Delegierte (eine/r pro 100 Mitglied) und der Vorstand zusammen. U.a. wird ein Ausschuss für Kinder- und Jugendbuchautoren gegründet, Sprecher Hans-Georg Noack.
Auf der 44. Sitzung des 6. Deutschen Bundestags (April 1970) sprechen sich alle drei Fraktionen für die Verbesserung der sozialen und urheberrechtlichen Lage der Autoren aus, im Stuttgarter Rathaus diskutieren VS-Autoren unter Leitung von Thaddäus Troll mit Bildungsminister Horst Ehmke über das Thema „Das Verhältnis der schöpferischen Intelligenz zur politischen Macht”.
Mit den Intendanten der ARD werden Gespräche über angestrebte Musterverträge diskutiert. Die Forderung des VS nach Änderung des Urheberrechtsgesetzes steht als Antrag von CDU- und SPD-Abgeordneten im Bundestag an, beim Schulbuchparagraphen und den Bibliothekstantiemen werden Änderungen vorgenommen. Im Juni bringen auf Betreiben des VS die Bundestagsfraktionen von SPD und FDP einen erweiterten Antrag auf Novellierung des Urheberrechtsgesetzes ein. Auf der Frankfurter Buchmesse ist der VS am Messerat beteiligt, Messeratsvorsitzender ist Helmut M. Braem aus dem VS-Vorstand. Bundespräsident Gustav Heinemann empfängt im September eine Abordnung von VS-Autoren, um sich über die berufspolitischen Ziele der Schriftsteller zu informieren. Auf dem Schriftstellerkongress in der Stuttgarter Liederhalle redet Bundeskanzler Willy Brandt, 4000 drängen in die Halle, nur etwa 2500 finden Einlaß.
20.-23. November 1970 : 1. Schriftstellerkongreß des VS in der Stuttgarter Liederhalle
Vorsitzender des VS wird Dieter Lattmann, zu seinen Stellvertretern werden Reinhard Baumgart, Thaddäus Troll, Helmut M. Braem und Ingeborg Drewitz gewählt, Justitiar Wilhelm Nordemann.
Wichtigster Beschluss des Kongresses ist der Auftrag an den Vorstand, „in Kontakt mit dem DGB, andererseits mit der IG Druck und Papier sowie der Gewerkschaft Kunst die Voraussetzungen zu klären, unter denen im Lauf der weiteren Entwicklung - arbeitnehmerähnlicher Status, Tariffähigkeit - aus der Phase der Kooperation der Anschluss an eine Gewerkschaft unter Wahrung der Selbständigkeit einer Fachgruppe hervorgehen kann.” (angenommen mit zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung).
VS-Bundesvorstandssitzung 1974: Hannes Schwenger, (unbekannt), Ursula Brackmanns Stirn, Ursula Bräuning, Carl Amery, Uwe Friesels Oberkopf, Johannes Poethen, (unbekannt); stehend Helmut Braem und (unbekannt).
„Im Zeitalter des beginnenden Medienverbunds, im elektronischen Zeitalter, wird der literarische Autor mit seinem Urheberrecht eine noch komischere Figur werden.(...) Wir wollen Unterschlupf finden bei der IG Druck und Papier.(...) Der VS wirkt als Lobby und hat sofort bei allen Fraktionen durchschlagenden Erfolg. Wieso (...) noch gewerkschaftlich organisieren?
Die meisten von uns sind an kleine und mittlere Verlage gebunden und können jeden Tag aufwachen im Portefeuille eines Konzerns. Unsere Urheberrechte schützen uns nicht davor, daß wir verhökert werden im Paket und danach vielleicht sofort abgeschrieben werden auf Null. Das heißt, das Urheberrecht ist ein windiger Schutz. (...) Dieser Perspektive muß unsere Organisation gerecht werden. Das heißt, auch Gewerkschaften können nicht bleiben, was sie sind. Es ist ohnehin nicht einzusehen, warum die Gewerkschaften nur in der Geldwirtschaft selbst zum Monopolisten werden und in der Kulturindustrie peripher vegetieren. Vielleicht glauben die Gewerkschaften immer noch nicht, daß es sich da, wo Kunst und Information produziert werden, tatsächlich um eine Industrie handelt. (...) Ich glaube, nur eine IG Kultur kann aus dem Grüppchen-Wesen eine Gruppe machen, die den Multimedia-Konzernen gewachsen ist. (...) Ich halte den Schritt in die IG Druck und Papier allenfalls für einen Anfang.”
Günter Grass: „Schriftsteller und Organisation“.
Auszug:
„Liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Anrede weist darauf hin, dass Schriftsteller und Gewerkschafter zumindest dieses gemeinsam haben: Sie berufen sich aufs Kollegiale. (...) Unkollegiales Verhalten wird gerügt. Im übrigen stehen sich beide Gruppen, die kleine Individualistenvereinigung der Schriftsteller und die Massenorganisation des Deutschen Gewerkschaftsbundes, zwiespältig gegenüber. (...) Die Angst vor zu straffer Organisation begegnet der Angst vor allzu beliebigen Einfällen, vor allzu verstiegener Sprache, vor allzu besserem Wissen. (...) Erste Verhandlungen mit dem DGB zeigen an, wie fragwürdig wir sind, sobald die Gewerkschaft uns in Frage stellt. Sind wir tariffähig? Sind wir tarifwillig? (...) Wir werden also, wenn wir nur wollen, in absehbarer Zeit tariffähig und als VS entweder innerhalb der Gewerkschaft Kunst oder innerhalb der IG Druck und Papier gewerkschaftlich organisiert sein können. Aber wollen wir auch? Ist Schriftstellern jenes Mindestmaß an Solidarität geläufig, das den Gewerkschaften selbstverständliche Basis ist? (...) Nicht wir, die Gewerkschaften gehen das größere Risiko ein. Allzu oft hat sich Schriftstellern nach kurzatmiger Begeisterung der Absprung ins Unverbindliche angeboten. Beredter Hochmut und detailbesessene Besserwisserei waren schon immer gastliche Gehäuse, wenn es darum ging, aus laut verkündetem gesellschaftlichen Engagement klammheimlich den Rückzug anzutreten. So sehr ich aus tarifrechtlichen wie gewerkschaftlichen Gründen für die Aufnahme des VS in die Industriegewerkschaft Druck und Papier plädiere, so eindringlich und notwendigerweise überspitzt müssen die Gewerkschaften vor uns gewarnt werden ...”
Willy Brandt: „Demokratie und Sprache“
Auszug:
„Seit der Gründung des Verbands deutscher Schriftsteller sind erst anderthalb Jahre vergangen. Ich finde es erstaunlich, daß in so kurzer Zeit etwas so Ungewöhnliches gelungen ist: nämlich die Solidarisierung so vieler Menschen, denen häufig nachgesagt wird, sie seien notorische Individualisten, gesellschaftsferne Einzelgänger oder esoterische Außenseiter.(...) Ihr Verband hat von Anfang an erklärt, daß er für die praktizierte Demokratie eintritt, insbesondere für die Freiheit der Meinungsäußerung. Also haben Sie noch einmal, von einer anderen Seite, deutlich gemacht, weshalb und wie sehr der Schriftsteller die demokratische Politik braucht. (...) Geist und Macht, das angeblich strenge Gegensatzpaar, üben oft und gerne Rollentausch. Denn so mächtig der Einfluß der Politik auf die Gesellschaft sein mag, längst hat sie ihre Macht teilen müssen: gerade Sie als Schriftsteller sollten Ihren Einfluß nicht unterschätzen. (...) Demokratie und Sprache stehen in einem direkten Zusammenhang. Gute Politik braucht die Literatur als sprachliches Korrektiv. Je enger der Kontakt zwischen Literatur und Politik, um so besser ist das Sprachbewußtsein. Besseres Sprachbewußtsein bedeutet mehr Aufgeschlossenheit für Demokratie.”

VS-Bundesvorstandssitzung 1974 (von links um den Tisch herum): Ursula Brackmann, Fred Viebahn, (unbekannt), Helmut Braem, Carl Amery, Uwe Friesel, Johannes Poethen, (unbekannt).
Zweiter Schriftstellerkongress des VS in Hamburg 1973 / Anschluß an die IG Druck und Papier
Rund 500 Schriftsteller und Journalisten nehmen zwischen dem 19. und 22. Januar 1973 am Kongress im Besenbinderhof in Hamburg teil. Die Teilnehmerliste enthält praktisch alle damals bekannten oder später erst bekannt gewordenen Namen der westdeutschen Literaturszene. Die Dokumentation „Entwicklungsland Kultur” (=Kongreßmotto) enthält alle Namen, die Daten, Fakten, Beschlüsse und Reden.
Im Vorfeld gibt es in der Presse und im Fernsehen ausführliche Berichte zur Lage der Schriftsteller, der VS hat mehr Öffentlichkeit für seine Forderungen hergestellt als wohl irgendein deutscher Schriftstellerverband zuvor. Im März findet im Bonner Bundeshaus eine öffentliche Anhörung zur Urheberrechtsnovelle statt, für den VS sprechen Wilhelm Nordemann und Dieter Lattmann.
Nach eingehender Beratung der VS-Vorstandsbeauftragten Reinhard Baumgart, Ingeborg Drewitz und Dieter Lattmann für die Gewerkschaftsverhandlungen mit DGB, Gewerkschaft Kunst und IG Druck und Papier legt der VS-Vorstand in den VS-Informationen 2/71 die „Modellvorstellung für den Anschluss des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) an die Gewerkschaft” vor. In den VS-Landesgruppen wird das Thema kontrovers diskutiert.
Am 7.7.71 hebt das Bundesverfassungsgericht den Schulbuchparagraphen auf, somit steht Autoren für die Veröffentlichung ihrer Texte in Schulbuchanthologien doch eine angemessene Vergütung zu. Mit dem Erfolg dieser Verfassungsklage setzt der VS einen der wichtigsten Punkte seiner Forderungen durch.
Anhand der „12 Fragen des VS an die IG Druck und Papier und die Gewerkschaft Kunst” setzt die VS-Vorstandsdelegation die Verhandlungen mit den Gewerkschaften fort. Favorisiert wird der VS-Anschluss in Form von Einzelmitgliedschaften, was bei der Gewerkschaft Kunst nicht möglich ist.
Auf der VS-Delegiertenkonferenz in der Akademie der Künste in Berlin am 4. 11. 1971 stimmen von 32 Delegierten 26 für den Anschluß des VS an die IG Druck und Papier. Am selben Tag faßt in Bonn der Bundestagsausschuß für Bildung und Wissenschaft einen positiven Beschluß zur Urheberrechtsnovelle, was von den in Berlin versammelten Schriftstellern stürmisch begrüßt wird. Nach der Zustimmung durch den Bundesrat am 6. 10. 1972 ist die vom Deutschen Bundestag verabschiedete Urheberrechtsnovelle perfekt: Mit Wirkung vom 1. Januar 1973 haben die Autoren Anspruch auf Honorare aus der Buchausleihe aller öffentlichen Bibliotheken. Die Hälfte der Einnahmen aus dem „Bibliotheksgroschen” soll dem Autorenversorgungswerk zufließen und somit sozialen Zwecken dienen.
Der Abstimmungsergebnis der VS-Delegiertenkonferenz in Berlin mobilisiert konservative Autoren im VS zur Gegenwehr. „Mit dem Alarmruf, der geplante Weg führe `ins Chaos´ sperrte sich vor allem in Bayern ein Teil der Literaten gegen den Beitritt zu einer `Richtungs-Gewerkschaft´. Als die Opponenten bei der Mehrheit ihrer Kollegen kein Gehör fanden, gründeten sie einen `Freien Deutschen Autoren-Verband´. Doch die von außen gesteuerte Spaltung des VS mißlang. Nur etwa 50 Autoren liefen Lattmann von der Fahne.” (Peter Pragal, Für Dichter und Denker ein Pakt mit den Druckern, Süddeutsche Zeitung, 22.01.1973)
Den FDA gibt es bis heute, er gilt als konservativer Autorenverband, die meisten und vor allem die renommierten Schriftsteller gehören dem VS oder keinem Berufsverband an. Der VS stellt als Aufnahmekriterium wesentlich höhere Anforderungen an das fachliche Können als der FDA.
Nach der vorzeitigen Auflösung des Deutschen Bundestages finden Neuwahlen im November statt, so dass der zu diesem Termin geplante Schriftstellerkongress auf den Januar verschoben wird. Der Kongress wählt Dieter Lattmann zum VS-Vorsitzenden, Reinhard Baumgart, Martin Gregor-Dellin, Horst Bingel und Ingeborg Drewitz zu seinen Stellvertretern.

Martin Gregor-Dellin und Horst Bingel
Wichtigster „Beschluss der VS-Mitgliederversammlung auf dem Schriftstellerkongress in Hamburg am 20. Januar 1973: Anschluß des VS an die IG Druck und Papier”.
Auszug:
„Der Verband deutscher Schriftsteller (VS) kann angesichts der Abhängigkeit der Autoren von ihren Auftraggebern die in seiner Satzung beschriebenen Ziele am wirkungsvollsten dadurch erfüllen, dass er sich in einem größeren Zusammenhang gewerkschaftlich organisiert. (...) Die Autorenfachgruppe trägt die Bezeichnung: Verband deutscher Schriftsteller (VS) in der IG Druck und Papier. Der VS setzt seine bisherige Arbeit so gestärkt fort. Im übrigen sehen die auf dem Schriftstellerkongress versammelten Autoren im Anschluss an die IG Druck und Papier nur den ersten Schritt auf dem Weg zur gemeinsam mit anderen Organisationen der kulturellen Bereiche angestrebten Gründung einer IG Medien, die vor allem auf der IG Druck und Papier und der Gewerkschaft Kunst fußen soll. Der Schriftstellerkongress appelliert an die in den Medien tätigen Urheber und technischen Mitarbeiter, die Mediengewerkschaft möglichst bald zu verwirklichen.”
Gesamtstimmen: 303 davon: Ja = 275 Nein = 19 Enthaltungen = 9
Auszüge aus der neuen Geschäftsordnung, die sich in inhaltlichen Punkten weitgehend nach der Satzung des VS e.V. richtet:
§ 1 (1) Der Verband deutscher Schriftsteller (VS) ist die Berufsgruppe der deutschsprachigen Schriftsteller in der IG Druck und Papier.
(2) Der VS hat den Zweck, die kulturellen, rechtlichen, beruflichen und sozialen Interessen seiner Mitglieder in Übereinstimmung mit der Satzung der IG Druck und Papier und den Zielen des Deutschen Gewerkschaftsbundes zu fördern und zu vertreten sowie die internationalen Beziehungen der Schriftsteller zu pflegen.
§ 2 (1) Mitglied kann jeder haupt- oder nebenberufliche deutschsprachige Autor werden, sofern sein fachliches Können (...> wie Satzung VS e.V.) nachgewiesen ist.
(2) Bei Aufnahme von Autoren oder Autorenerben muß die Zustimmung der VS-Berufsgruppe vorliegen.
(3) Im Ausland wohnende Mitglieder des VS werden beim Bundesvorstand geführt.
(5) Die VS-Mitglieder in der IG Druck und Papier sind in der Ausübung ihres Berufes völlig frei. Sie sind insoweit den Anschlußbestimmungen der Satzung der IG Druck und Papier nicht unterworfen. Was und wie sie arbeiten, ist ihre eigene Angelegenheit.
Themen / Reden:
Das Hauptreferat für die öffentliche Abendveranstaltung unter dem Thema „Entwicklungsland Kultur” hatte der fast 90jährige Ernst Bloch übernommen, war zwei Tage im voraus angereist, um seine - bei wachestem Geist - begrenzten physischen Kräfte zu schonen. Am ersten Abend nahm er noch an einer Veranstaltung teil, musste dann aber die weitere Teilnahme aus gesundheitlichen Gründen absagen.
Reinhard Baumgart: „Warum IG Druck und Papier? - Ein Resümee nach zwei Jahren Verhandlungen“
Auszug:
„Auf dem Kongreß in Stuttgart kursierte nur ein einziges entschlossenes Papier, das offen den Anschluß des VS an die IG Druck und Papier empfahl, unterzeichnet unter anderem von Böll, Enzensberger, Hitzer, Hochhuth, Johnson, Runge und auch von Martin Walser. Doch gerade Martin Walser proklamierte dann in seinem Referat auf der Abendveranstaltung in Stuttgart etwas offenbar ganz Anderes, Anspruchsvolleres, das Projekt einer `IG Kultur´. Damit war der scheinbare Widerspruch zwischen der kleinen Lösung - Anschluß an eine bestehende Gewerkschaft - und einer großen Lösung - Gründung einer neuen Mediengewerkschaft - in die Welt gesetzt. (...)Gälte es hier über die nächste Zukunft des Schriftstellerverbandes abzustimmen, dann wäre das Wort `Jahrhundertentscheidung´ um einige Nummern zu groß gegriffen. Zur Entscheidung steht aber morgen auch die IG Medien oder IG Kultur ...”
Martin Gregor-Dellin: „Wie abhängig ist der Autor?“
Auszug:
„Als Heimarbeiter der Kulturindustrie ist er heute zum Anachronismus geworden, doch wird er nicht ganz zu beseitigen sein. Große Entwürfe, Ideen, Kunstwerke, Untersuchungen, entstehen nicht während der Bürozeiten, selten im Auftrag, und für die Abende und Wochenenden reicht in der industriellen Gesellschaft mit ihrem Lärm und Verschleiß die Kraft nicht mehr aus. Sein Geld aber wächst nicht mit der Geldentwertung und den Tarifabschlüssen, und der subventionierte freie Autor ist ein Widerspruch in sich. Es ist nicht die Frage, ob die Gesellschaft noch Kunst braucht oder nicht. Das Problem schafft sich selbst aus der Welt. Die Verlockung, alles auf eine Karte zu setzen und sich wenigstens das Ende der Arbeitszeit nicht vorschreiben zu lassen, das heißt praktisch immer im Dienst zu sein, im Dienst einer selbstgewählten Sache - dieses Risiko, sich verkaufen zu müssen und vielleicht unverkäuflich zu sein, wird zwar immer gefahrvoller, verliert aber dennoch nicht seinen Sinn für jene, die es eingehen, und für jene, die davon profitieren. Autoren vermehren nicht nur die imaginäre Bibliothek des Weltgeistes, sie setzen auch eine Kommunikations-Wirtschaft in Gang, deren jährliches Bruttosozialprodukt - von den Druckereien, Verlagen, Papierfabriken bis zu den Leseringen, Rundfunkanstalten und Medienkonzernen - noch nicht errechnet ist.”
Siegfried Lenz: „Das Dilemma der Außenseiter“
Auszug:
„Literatur zu entbehren kommt offenbar keinem als Mangel vor, dessen täglicher Mangel bestimmt ist durch die Sorge ums Sattwerden und Warmwerden, - immerhin zwei Drittel der Weltbevölkerung. Für die meisten heißt also notgedrungener Verzicht auf Literatur nicht auch automatisch Verzicht auf Leben. Schaut man sich so die Zahlen an, dann wird man zugeben müssen, daß wir auf unserem Feld nicht allzu weit gekommen sind: immer noch sind es sehr wenige, die einen umstrittenen Bedarf von wenigen decken.Ich weiß: Uns beschäftigen heute vorsätzlich naheliegende Fragen. Wir müssen entscheiden, ob es sich wiederholen darf, daß ältere Kollegen in Armut sterben, während der Umsatz unserer Produkte allein in diesem Land an die Dreimilliarden-Grenze heranreicht. Wir haben festzustellen, daß nicht wir es sind, die über herrschaftliche Verteilermittel verfügen, und wir müssen versuchen, Schlußfolgerungen aus dieser Abhängigkeit zu ziehen. (...) Doch auch wenn diese Fragen uns durch Dringlichkeit zusetzen, sollten wir uns einen Blick bewahren für das weiterreichende Dilemma, in das der Schriftsteller zunehmend geraten ist: es ist das Dilemma des Außenseiters. Es ist der Zwiespalt des notorischen Individualisten, der von erhöhtem Sitzplatz die Untauglichkeit der Welt kommentiert, - ohne Rücksicht darauf, wer ihm zuhört, was er damit erreicht. (...) Ich meine, wir hätten uns längst eingestehen müssen, daß unsere individuellen Möglichkeiten nicht ausreichen, um die erkannten universellen Aufgaben lösen zu helfen. Und dies erweist sich mehr und mehr als unser Dilemma: gegen übermächtige, anonyme Herausforderung setzen wir den gutgemeinten Protest eines Namens. (...) Ich glaube, wir können uns nicht genug daran erinnern, wie wenig wir als Einzelne erreicht haben. (...) Es ist eine politische Besorgnis, aber die müssen wir aufbringen, wenn wir nicht zum Anachronismus werden wollen.Und schon melden sich unsere Allergien, schon werden Vorbehalte gegenüber dem Politischen laut, schon fürchten die Außenseiter, daß ihr kritisches Talent anästhesiert werden könnte: es wäre ja möglich, daß die Literatur an der Politik Schaden nähme. Machen wir uns nichts vor (auch wenn einige puristische Liebhaber dieser Ansicht sind): Niemand wird Schaden nehmen, wenn die Qualität der Literatur schwankt; aber alle werden Schaden nehmen, wenn die Qualität der Politik zu wünschen übrig läßt. Ich meine, es ist an der Zeit, die Vereinbarkeit von literarischem und politischem Handeln festzustellen. (...)Wer politisch effektiv handeln will, kommt heute ohne Organisation nicht aus, - und wenn wir noch soviel Sodbrennen bekommen bei diesem Wort.”
Weitere Kongressbeiträge:
Klaus von Dohnanyi (Bundesminister für Wissenschaft und Bildung): Entwicklungsland Kultur
Hans Erich Nossack: Das Engagement der Intellektuellen
Angelika Mechtel: Kulturgesellschaft mit beschränkter Haftung
Leonhard Mahlein (1.Vorsitzender der IG Druck und Papier): Tatsachen
Reinhard Philipp (Hamburger Kultursenator): Denkwürdige Tage in Hamburg
Arbeitspapiere zu den Themen „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt” (Horst Kammrad), „Restauration - nicht nur im Theater” (Erasmus Schöfer), „Autoreneigene Verlage” (Joachim Seyppel)
Dritter Schriftstellerkongress des VS in der IG Druck und Papier
Auf dem 3. Schriftstellerkongreß, in Frankfurt/Main 15. - 18. November 1974, stehen wichtige doch nicht ganz so spektakuläre Themen wie in Hamburg auf dem Programm. Die Teilnehmerliste verzeichnet nichtsdestotrotz an die 500 Schriftsteller und Journalisten aller Bekanntheitsgrade. Als Gast spricht Bundespräsident Walter Scheel. Dokumentiert ist der Kongress in dem Band „Phantasie und Verantwortung”.
Zum Vorsitzenden wird Horst Bingel gewählt, seine Stellvertreter heißen Martin Gregor Dellin und Helmut M. Braem, Beisitzer sind Johannes Poethen, Fred Viehbahn, Dieter Lattmann und Wolfgang Weyrauch.
Themen / Reden / Beschlüsse:
„Die Gründerzeiten sind im Verband deutscher Schriftsteller (VS) vorbei, jetzt folgt die Zeit geduldiger Kleinarbeit. Dazu bedarf es der Unterstützung jedes einzelnen Kollegen.„, schreibt Horst Bingel im Nachwort der Kongreß-Dokumentation und nennt als Perspektiven der VS-Arbeit für die nächsten drei Jahre: Tarifpolitik, Bildung der Mediengewerkschaft, Verwirklichung der Bibliotheksabgabe, Basisarbeit in den Landesbezirken, Einsatz für Minderheiten im VS, Verbesserung der Honorarsituation, Ausbau internationaler Beziehungen in West und Ost, Befreiung der Autoren von der Mehrwertsteuer, u.a.
Auf die Rede von Walter Scheel, „Gemeinsame Verantwortung von Politik und Literatur für die demokratische Ordnung”, antwortet Walter Jens, seine Rede trägt den Titel „Wir Extremisten”.
Aus
der Rede von Walter Scheel:
„Der Bürger im allgemeinen und der Schriftsteller im besonderen werden sich im `Wesen und in der Last´ unseres Rechtsstaates nur zurechtfinden, wenn sie die elementare Option für oder gegen die freiheitliche Grundordnung getroffen haben. Eine solche Option ist notwendig, wenn wir die geistige und politische Konfusion unserer Tage überwinden wollen.Wer auf der Seite dieser freiheitlich-rechtlichen Grundordnung steht, kann Mord und Terror als Mittel des politischen Kampfes nicht hinnehmen.(...)Ich bin sicher, daß die Bundesrepublik Deutschland ihre freie Ordnung bei strenger Wahrung rechtsstaatlicher Grundsätze verteidigen kann.Ich bin ebenso sicher, daß die Mehrheit ihrer mündlichen Bürger die Bundesrepublik nicht im Stich lassen wird, wie einst die Weimarer Republik im Stich gelassen wurde.Ich bin sicher, daß Sie, die deutschen Schriftsteller, sie nicht im Stich lassen werden.”
Aus der Rede von Walter Jens:
„Das Präsidium unseres Verbandes hat mich gebeten, Ihnen, Herr Bundespräsident, dafür zu danken, daß Sie zu uns gekommen sind, zu danken, daß Sie eine Rede gehalten haben, deren Bedeutung offenkundig wird, wenn man bedenkt, daß Ihr Herr Vorredner, das letzte deutsche Staatsoberhaupt, das sich dezidiert mit Fragen der Literatur auseinandergesetzt hat, Friedrich der Große war: 1780, de la littérature allemande. (...) Unter solchen Aspekten ist es kein Wunder, daß die Schriftsteller in unserem Land - politisch mißachtet und ohne Einfluß in der Gesellschaft - jahrhundertelang das Leben von Parias führten. - Jens bringt Beispiele der
Beachtung der Schriftsteller in anderen Ländern. - Nein, machen wir einander nichts vor. Es hat in unserem Land, von Lessing bis zu Heinrich Mann, von Forster bis Brecht zwar Literaten gegeben, die ihr Handwerk als ein politisches verstanden; aber eine Tradition aufklärerischer, realitätsbestimmender Literatur gibt es nicht: Wenn wir´s nicht wüßten, dann erfahren wir´s jetzt - in einem Augenblick, wo, im Zeichen des Neokonservatismus, Literatur wieder einmal auf `Dichtung´ reduziert werden soll. (...) Wir dürfen, zum ersten, nicht wehleidig sein: Selbst der infamste Angriff - Böll und Walser als Helfershelfer der Anarchisten - ehrt uns mehr als der Applaus, den man denjenigen zollt, die nichts als Hofnarren sind; Kabarettisten, deren Aussagen politische Relevanz nur im Sinne der Herrschenden haben; als Alibi, daß Meinungsfreiheit regiert. Ein Siemens-Konzern, der vor Gericht gehen muß, bestätigt die Wirksamkeit von Literatur. Ein Konzern, der Delius durch den Bundesverband der Deutschen Industrie auszeichnen läßt, bescheinigt, daß Poesie einflußlos ist. Dies ist das eine. Das zweite: Wir Schriftsteller, die wir uns als bürgerliche Demokraten verstehen, sollten die Behauptung unserer Gegner, daß wir radikal seien, nicht als Beschimpfung, sondern als Ehrenerklärung verstehen. (...)”
Günter Wallraff: Autoren - Radikale im öffentlichen Dienst
Auszug: „Literatur muß sich in dieser Zeit der Entscheidungen entscheiden: sie kann sich zur Delikatesse einiger weniger machen, sich blasiert, versnobt, arrogant und zynisch über die Probleme, Ängste, Hoffnungen, Interessen und Sehnsüchte der Vielen hinwegsetzen. Sie kann, wie Brecht sagt: `den Menschen den Rauschzuständen, Illusionen und Wundern ausliefern. Sie kann die Unwissenheit vergrößern. Sie kann an die Gewalten appellieren, die ihre Kraft beim Zerstören beweisen und an die Gewalten, die ihre Kraft beim Helfen beweisen.´ In diesem Sinne haben wir `Radikale im öffentlichen Dienst´ zu sein.”
Helmut Heißenbüttel: Zur Kritik des Bildes vom Schriftsteller
Auszug: „Worauf ich hinaus will, ist klar. Darauf nämlich, dass es die Angehörigen dieses Berufes besonders schwer haben, sich zu organisieren. Nicht weil sie dazu unwillig wären. Selbst die, die Organisation im strikten Sinne abgelehnt haben, haben sich in Zirkeln versammelt, von den Romantikern bis zum Georgekreis. Sondern weil die Schwierigkeit darin liegt, dass das Bild vom Schriftsteller nicht als Berufskriterium zu verwenden ist. Das spielt überall da keine Rolle, wo bloße Gemeinschaft wichtiger ist als organisatorische Fragen, siehe PEN-Club oder Gruppe 47. (...) Wenn ich das Bild vom Schriftsteller zugrundelege, der in der Arbeit der Phantasie Verantwortung vermittelt und damit ein Risiko eingeht, das nur er allein tragen kann (...), dann kann ich nicht zu tariffähigen Grundlagen kommen. Denn jede Leistung würde sui generis sein. (...) Nun gibt es natürlich und hat es bereits seit langem gegeben die Gegenstimmen, die sagen, dass dieses Bild vom Schriftsteller eben ein falsches Bild sei. Walter Benjamin hat in seiner inzwischen berühmt gewordenen Rede `Der Autor als Produzent´ von 1934 (...) eine andere Vorstellung vom Schriftsteller gezeichnet.”
Ingeborg Drewitz: Bestandsaufnahme und Perspektiven
Auszug: „Es ist ja fast auf den Tag genau sieben Jahre her, dass ich mit der scharfen Kritik an der Ohnmacht in der Bundesvereinigung lose zusammengefaßten Schriftstellerorganisation der Bundesrepublik die Diskussion um eine übergreifende Schriftstellerorganisation in Gang gebracht habe, gedrängt von der Erfahrung als Berliner Vorsitzende, die mir die soziale Randexistenz der Mehrheit der Schriftsteller überdeutlich gemacht hatte, gedrängt aber auch von der Erfahrung, dass die Gruppe 47 nach fast zwanzig Jahren zur Repräsentation ermüdet und für die anstehenden sozialen Forderungen der Schriftsteller nicht tauglich war. (...)
Die euphorisch verkündete Einigkeit der Einzelgänger hat nicht standgehalten. Die politische Polarisierung in der Bundesrepublik hat vor den Schriftstellern nicht haltgemacht, eine Entwicklung, die schon aus der Weimarer Republik geläufig ist.(...)
Doch das Stückchen Utopie, das mit der Gründung des VS zur Realität wurde, das mit der leidenschaftlichen Teilnahme der Autoren an der Politisierung der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit fast selbstverständlich wurde, darf und wird nicht verloren gehen in der Diskussion um Vertretungsansprüche und Zuständigkeiten innerhalb des DGB. (...)
Denn haben die ersten Arbeitsjahre des VS die Gefährdung der Autorenfreiheit sichtbar gemacht und das Verantwortungsbewußtsein der Autoren in eigener Sache geweckt, so werden die kommenden Arbeitsjahre dem Schutz der Publikationsvielfalt, dem Schutz der Literatur, dem Schutz der Autorenfreiheit gewidmet sein müssen, ohne die es die Meinungsfreiheit einer Gesellschaft nicht geben kann.”
Carl Amery, Dank an Ingeborg Drewitz
Wenn uns das Schicksal edle dINGE BORGt,
So weiß man sich im Herzen drIN GEBORGen.
Der Literat, von INGEBORG umsorgt,
Trug durch Jahrzehnte leichter seine Sorgen.
Denn Sie trug mit! Der ganz besonDRE WITZ
Des Himmels gab sie uns als Halt und Stütze:
In jedem Rate stand ihr Vorstandssitz
(die bei ihr saßen, war´n oft wenig nütze!).
Nun zieht sie hin. Die zwanzigfach verdiente
Muße zur Muse sei ihr unbestritten
Doch wir, von ihr verwöhnte Bundeskinder,
Die sie betreute, tröstete und schiente -
Wir sehn sie ziehn aus unsrer Vorstandsmitten
Und weinen sanft in unsere Zylinder.
Ingeborg Drewitz wurde außer in die Vorstände in der Gründungs- und Anfangsphase auch 1976 und 1977 in den VS-Vorstand gewählt, ihre gescheiterte Kandidatur 1984 wirft bis heute Fragen auf.