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Geschichte des VS, Teil 2

Bis zur Gründung: 1947 - 1969


Erster Schriftstellerkongress nach dem Krieg 1947 in Berlin / „Gruppe 47” / Bestrebungen zur Zusammenfassung regionaler Schriftstellerverbände seit 1952, Motto: „Einigkeit der Einzelgänger”

Bereits die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg spiegeln eine Problematik wider, die für viele Schriftsteller in früheren Epochen ebenso wie heute und auch in bestimmten individuellen Lebensphasen sich immer wieder neu stellt: das (notgedrungene) Einzelgängertum der Kunstschaffenden und/oder die Möglichkeiten der Organisierung sowie die (berufsständische/soziale/politische) Art dieser Organisierung. Etliche konservative Kritiker des VS verschweigen gerne - aus Unwissenheit oder bewußt -, daß individuelle, verbandsinterne und verbandsexterne Konflikte dieser Art die Geschichte aller Schriftstellervereinigungen begleiten.

Der erste Schriftstellerkongress nach dem Weltkrieg wird in Berlin abgehalten, vom 5.- 8. Oktober 1947. Bereits 1945 entsteht mit dem Schutzverband Deutscher Autoren (SDA), in Berlin gegründet, die erste Autorenorganisation nach dem Krieg. Sie führt die Gewerkschaftsdiskussion des SDS vor 1933 weiter und tritt der Gewerkschaft Kunst und Schrifttum im FDGB bei. Schon vor dem ersten Schriftstellerkongreß werden in den Besatzungszonen regionale Autorenverbände gegründet. Hans Werner Richter ruft die „Gruppe 47” ins Leben und lädt zu jährlichen Arbeitstagungen  Autoren, Kritiker, Verleger ein. Die „Gruppe 47” tritt zunächst nicht nach außen in Erscheinung und wird auch später keine Autorenorganisation mit Mitgliedern und berufsständischen Zielen, wirkt dagegen als einflußreiche Verbindung von Schriftstellern (die z.T. dann auch im Schriftstellerverband aktiv sind) und Publizisten, die in Funk, Presse und Buchverlagen erhebliche Durchsetzungsmöglichkeit besitzen.

Ein Manifest des 47er-Kongresses, bei dem Emigranten und Untergetauchte zusammenkommen, lautet: „Wir deutschen Schriftsteller geloben, mit unserem Wort und unserer Person für den Frieden zu wirken, für den Frieden in unserem Lande und für den Frieden in der Welt.”

Hermann Hesse, der schon Jahre zuvor die Schweizer Staatsangehörigkeit angenommen hatte und ein „Leben als Vaterlandsloser” führte, weil er „sah, wie ganz Deutschland nahezu einmütig seine Republik sabotierte”, schreibt in einem Brief vom Juli 1945 über deutsche Politik seit 1870: „Wer sich für Bismarck oder Wilhelm den Zweiten nicht mehr mitverantwortlich fühlt und sich ostentativ die Hände wäscht, der ist doch, in 99 von 100 Fällen, treulich und begeistert seinerzeit zur Urne gepilgert, um Hindenburg zu wählen. Irgendeinmal muß eben doch das Volk anfangen, sich für sein Tun und sein Leiden selber verantwortlich zu fühlen. (...) Ein deutscher Literat ist in der von Amerika mit Rußland regierten und kontrollierten Welt bestenfalls eine lästige Figur.” Hesse im Dezember des gleichen Jahres: „Politisch hat dort - in Deutschland - niemand etwas gelernt, doch ist eine sehr kleine, durch Hitler und Himmler auf ein Minimum reduzierte Schicht vorhanden, die genau Bescheid weiß, und zu der ich manche Beziehungen habe. Doch reicht diese Schicht Humus längst nicht aus als Boden für eine neue Republik”.

Im Mai 1948 trifft man sich zum 2. Schriftstellerkongress in Frankfurt (18.-19. Mai.)und dort bereits brechen die Gegensätze zwischen Ost und West auch unter den Schriftstellern auf. Einer der Teilnehmer heißt Walter Jens, damals ein „kleiner Student, der stark opponierte”.

Als Folge der sich abzeichnenden Spaltung Berlins wird 1949 als westlicher Gegenverband zum 1945 entstandenen SDA der Berliner Schriftstellerverband gegründet, der sich gegen den FDGB abgrenzt, ab 1953 SDS Berlin. 1952 wird der erste Versuch zur Vereinigung der regionalen Autorenverbände im Westen unternommen, die z.T. seit 1945 bestehen (Hessen, Hamburg). Langjähriger Präsident der Bundesvereinigung der deutschen Schriftstellerverbände wird Gerhard Pohl. Die Bundesvereinigung hat nennenswerten Anteil an der Urheber-rechtsgesetzgebung vom 9. 9. 1965, durch die die Schutzfrist für Urheberrechte von 50 auf 70 Jahre nach dem Tode eines Autors ausgedehnt wird.

1958 liest Günter Grass auf der Tagung der „Gruppe 47” in Großholzleute im Allgäu (Gasthof „Adler“) aus dem Manuskript des Romans „Die Blechtrommel” vor und erhält den Preis der Gruppe. Das macht ihn für Kenner des Literaturbetriebs in der Bundesrepublik mit einem Schlag bekannt. Zwölf Jahre später, auf dem ersten Schriftstellerkongreß des ein Jahr zuvor gegründeten VS, sagt Grass: „Wenn der Terminus organisierte Schriftsteller keinen erschreckenden Nebenhall haben soll, werden wir mehr sein müssen als nur ein Interessenverband.”

1968 wird auf der Jahresversammlung der Bundesvereinigung deutscher Schriftstellerverbände als Nachfolger von Werner Illing der zum bayerischen Schutzverband Deutscher Schriftsteller (SDS) gehörende Dieter Lattmann zum neuen Präsidenten gewählt. Er bereitet den Zusammenschluß der zehn regionalen Schriftstellerverbände, des Verbands deutscher Übersetzer und des Verbands deutscher Kritiker zu einem Gesamtverband vor. Ziel und später auch Motto des ersten Schriftstellerkongresses des VS: „Einigkeit der Einzelgänger“. Anfang 1969 treffen sich die Vorsitzenden der Regionalverbände in Berlin. Hauptpunkt der Tagesordnung: der Plan des Gesamtverbands. Die Gründung des gemeinsamen Verbands wird ohne Gegenstimme (13 Ja, 2 Enthaltungen) beschlossen.