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Geschichte des VS, Teil 1

Vorgeschichte 1842 - 1945

von Imre Török

Geboren und aufgewachsen in Ungarn, lebt im Allgäu, Bundesvorsitzender des VS seit 2005. Seine Homepage finden Sie unter: www.imre-toeroek.de




DATEN, FAKTEN, STIMMEN, STIMMUNGEN

Eine Materialsammlung zum 25jährigen VS-Jubiläum 1994


Schriftstellervereine und Schriftstellerverbände in Deutschland seit 1842, Stimmen und Stimmungen

1842 wird der Leipziger Schriftstellerverein gegründet, 1878 entsteht der Allgemeine Deutsche Schriftstellerverband (ADSV) mit Sitz in Leipzig. Verbandsorgan: Magazin für Literatur des In- und Auslands. Für die gemeinsame Vertretung materieller und ideeller Berufsinteressen gründet 1885 Josef Kürschnerden Deutschen Schriftstellerverein, der eine Altersunterstützungskasse unterhält. 1887 entsteht aus der Verschmelzung von ADSV und Schriftstellerverein der Deutsche Schriftstellerverband (DSV) mit einem Literarischen Büro in Berlin. Der DSV vergibt auch Aufträge und nimmt das Urheberrecht seiner Mitglieder wahr, gibt das Verbandsorgan „Die literarische Praxis” heraus, hat über 1000 Mitglieder. Er gilt in der Weimarer Republik im Vergleich zum Schutzverband Deutscher Schriftsteller (SDS) als der konservative Verband. Vier Jahre lang besteht der 1896 gegründete Deutsche Schriftstellerinnenbund. Größter Fachverein der damaligen Zeit ist der 1900 gegründete Allgemeine Schriftstellerverein (ASV), mit 2500 Mitgliedern „einschließlich der Dilettanten” (aus den Annalen des ASV).

1909 wird in Berlin der Schutzverband Deutscher Schriftsteller gegründet, „der erste SDS auf deutschem Boden” (Dieter Lattmann), an der Gründung beteiligt ist Theodor Heuss. Der SDS, der sich unter den Autorenorganisationen am ehesten gewerkschaftlich versteht, ergänzt 1920 seinen Namen mit der Bezeichnung Gewerkschaft Deutscher Schriftsteller. Die Mehrzahl der literarisch bedeutenden Autoren jener Epoche gehören dem SDS an, zu seinen Präsidenten zählen Thomas Mann und Theodor Heuss. In der „Weltbühne” schreibt Theodor Heuss 1911:

„Ein lyrisches Gedicht, eine Novelle wird freilich gemeinhin nicht fabriziert wie etwa ein verkaufsfähiger Stiefel oder gegen ein Fixum heruntergeschrieben wie die Ausarbeitung eines Gerichtsurteils. Aber wenn sie vorhanden, bilden sie einen ökonomischen Wert, gehen sie - wir sehen von Liebhaberspielarten ab - auf den Markt. Die Literatur erscheint als Ware und unterliegt nun dem Spiel von Angebot und Nachfrage. (...) Schriftstellerei ist bei der ungeheuren Ausdehnung der Publizistik, bei ihrer Spezialisierung und Kapitalisierung nicht mehr allein die Sache der Begabung ..., sondern ist ein Beruf, zeitigt bestimmte Berufsmerkmale und schafft sich, wie das so überall ist, ihre eigene Berufsnot. Der Schriftsteller soll nur diese wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen seiner Existenz begreifen lernen ...”

Kurt Tucholsky schreibt 1921 über die Solidarität unter Schriftstellern / geistigen Arbeitern („Deutsches Tempo”):

„Wenn die Hutmacher heute einen Streik beginnen, so haben sie die Aussicht, ihn siegreich zu beenden - durch ihre Solidarität. Wenn die Setzer einer großen Zeitung ihre Lohnforderungen erhöhen, so wird ihr Streikbeschluß, einmal gefaßt, den Unternehmer zu Verhandlungen zwingen, denn die Setzer sind solidarisch. Wenn aber die `geistigen´ Arbeiter einen Streik inszenierten ... ach! Sie fangen gar keinen an. Das Gefühl der Solidarität unter geistigen Arbeitern ist nicht vorhanden. Die Sache liegt heute so, daß jeder, aber ausnahmslos jeder Schriftsteller seinen Kollegen literarisch wertet und danach mit ihm verkehrt: er tadelt ihn oder lobt ihn, er nimmt ihn für voll oder tut ihn verächtlich ab. Aber weiß er denn nicht, daß die geistige Arbeit mit dem Augenblick, wo sie das stille Studierzimmer verläßt und auf dem Markt gehandelt wird, Ware ist, Ware, und weiter nichts als Ware? Das weiß er nicht, und das will er auch nicht wissen. Der geistige Arbeiter glaubt, ein Künstler müsse allein stehen. (...) Es sind immer dieselben traurigen Erscheinungen: der zu Ruhm und Geld gekommene Dichter, der geschmeichelt den Aufforderungen der Redaktion nachkommt, ohne sich jemals seiner Kollegen anzunehmen, der Dilettant, der noch Geld dazugibt, wenn er nur gedruckt wird; der Zeilenschinder, der schreiben muß, weil ihm der Hunger im Nacken sitzt. Und wir andern? Wir sollten nicht länger zusehen. Wir haben nun täglich aus der Arbeit anderer Organisationen lernen können, wie die Arbeit und ihre moralische Wertung gar nichts mit dem zu tun hat, was sie darstellt, wenn sie Ware geworden ist. Wir singen nicht mehr, wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet! Denn die Angelegenheit hat ein doppeltes Gesicht: wer bei der Arbeit an das Publikum und an sein Honorar denkt, ist ein Schmierer. Wer aber beim Vertrieb nicht an sein Honorar denkt, ist ein Dummkopf.”

Zu Beginn der 30er Jahre gibt es Flügelkämpfe der Autorengruppen, die Opposition im SDS (OSDS) vertritt energisch den Gewerkschaftsgedanken, angeführt von der Berliner Ortsgruppe des SDS und vom Bund  proletarisch-revolutionärer Schriftsteller.

Ab 1933 wird das literarische Leben im Dritten Reich von der NS-Reichsschrifttumskammer gelenkt, diktiert, beherrscht. Die ins Ausland geflüchteten Autorinnen und Autoren suchen im Internationalen Schutzverband Deutscher Schriftsteller (ISDS) Zusammenhalt, viele der Daheimgebliebenen wählen den Weg in die innere Emigration.