Erinnerungen zum VS
Dieter Lattmann: Als der Kanzler zu den Schriftstellern kam
Der neue Schriftstellerverband und meine Sprecherrolle für zweieinhalbtausend Autoren stellten meine bisherige freiberufliche Existenz auf den Kopf. Plötzlich hatte ich eine öffentliche Aufgabe. Fernsehteams erschienen in unserem Schwabinger Haus, das Telefon stand nicht still vor Interviewfragen, Zeitungen schickten Reporter. Zwischen dem „Ende der Bescheidenheit“ bei Gründung des Verbands mit Böll und Grass im Kölner Gürzenich und unserem ersten Schriftstellerkongress lagen eineinhalb Jahre.Diese erste große Zusammenkunft fand Ende November 1970 in den Sälen der Stuttgarter Liederhalle statt. Den Mitstreitern im Vorstand hatte ich das Motto „Einigkeit der Einzelgänger“ vorgeschlagen, und alle hatten zugestimmt. Während Grass und ich im bayerischen Landtagswahlkampf für die Sozialdemokratische Wählerinitiative unterwegs waren, fand einige Zeit vor dem Kongress in Ingolstadt ein Gespräch mit SPIEGEL-Redakteuren statt. Zum ersten Mal gab es am übernächsten Montag für ein Millionenpublikum Ausführliches über unsere Ziele und Forderungen zu lesen. Treffpunkt war unser Hotel gegenüber dem alten Theater. An diesem Nachmittag mit Redakteur, Fotoreporter und Stenograf fühlte sich Grass in eine ihm ungewohnte Rolle versetzt. Er war doch der große Schriftsteller, um den sich alles drehte, aber die Fragen über Vorbereitung, Programm und Redner auf dem Kongress gingen alle an mich - schließlich wurde ihm das zu viel, er stand auf und verzog sich auf sein Zimmer. Am Abend bei der Versammlung war die Welt wieder in Ordnung. Nun war er wieder der Magnet, und ich debütierte in seinem Anziehungsfeld. Vor unserem ersten gemeinsamen Auftritt in Regensburg hatte er mir erklärt, was von da an galt: „Du fängst an und redest den Saal ein bisschen warm. Dann komme ich.“
Es war eine Zeit, in der durchschlagende Veränderungen möglich wurden. Dazu gehörte die plötzlich einsetzende öffentliche Resonanz auf die Gründung unseres VS. Ich hatte an viele Autoren geschrieben und sie gebeten, sich zu beteiligen. Inzwischen waren, anders als früher, auch die bekannten Schriftsteller der Gegenwartsliteratur in großer Zahl Mitglieder geworden, und die Medienberichte darüber weckten das Interesse der Politiker an
unserem neuen Verband.
Willy Brandt war der erste Bundeskanzler, der zu den Schriftstellern kam. In den Beethovensaal kam er durch den
Bühneneingang. Er war begleitet von dem DGB-Vorsitzenden Heinz Oskar Vetter, seinem Vertrauten Leo Bauer und einem persönlichen Referenten. Aber kurz vor Beginn war ein Ministerialbeamter aufgetaucht und hatte mich aus dem Saal gezogen. Ich müsse den Kanzler am Eingang begrüßen. Das hatte ich mir auch schon gesagt. Nur, wie durch das Gedränge kommen? An jenem Abend strömten an die dreitausend Bürger der Stadt an unserem Schauplatz zusammen. Die Vorhalle und alle Gänge waren verstopft. Einen Augenblick folgte ich den Rockschößen des Beamten. Wie ein Weberschiffchen schossen wir durch die Menge in der Halle. Es war ein Moment, in dem alle Unruhe, verstärkt durch den Missmut derer, die draußen bleiben mussten, in ein Debakel umzukippen drohte. Endlich koppelte ich mich von meinem Vordermann ab, stürzte zurück in den Hauptsaal und kam eben noch zurecht, um den Kanzler, der über einen rückwärtigen Eingang hereingeführt wurde, wenigstens noch an der Bühnentreppe zu erreichen. „Macht nichts“, sagte er, als ich ihm erklärte, dass wir Schriftsteller auf einen solch großen Andrang nicht eingerichtet waren, und er gratulierte mir als Erstes zu meiner Wiederwahl.
Willy Brandt, Heinrich Böll, Günter Grass und Martin Walser als Redner - das gab Auftrieb. Der Kanzler, noch angestrengt von einer Grippe, die er gerade erst überwunden hatte, stand nun in der Mitte der vordersten Reihe, reckte die Arme mit einer ungewohnt freien Bewegung, schaute in den überfüllten Saal und war halb schon vom Triumph erfasst, halb in Spannung auf den Dialog mit dem Publikum: ein Redner vor der Rede, ein Politiker, der überzeugen will.
Der Kartenverkauf war zusammengebrochen. Auch die Übertragung in einen Nebensaal reichte nicht aus. Als ich den Abend eröffnete, wir waren auf Sendung, brach die Mitteltür auf. Eine Woge junger Leute brandete herein. „Hier vorn ist noch Platz“, hörte ich mich im Lautsprecher sagen. Den Hörern an den Empfängern erklärte ich die Verzögerung, indem ich ihnen die Situation im Saal schilderte. Kurz vor dem Podium kam die Jugend zum Stillstand und setzte sich auf den Boden, endlich konnte ich dem Kanzler das Wort geben.
Vielleicht hat Brandt noch nie so persönlich über seine Vorstellung eines Austauschs zwischen Schriftstellern und Politikern gesprochen: „Geist und Macht“, sagte er, „üben oft und gerne Rollentausch. Denn so mächtig der Einfluss der Politik auf die Gesellschaft sein mag, längst hat sie ihre Macht teilen müssen: gerade Sie als Schriftsteller sollten Ihren Einfluss nicht unterschätzen.“ Und er wandte sich an die Schriftstellerinnen und Autoren, die in den vorderen Reihen saßen. An die vierhundert von ihnen waren gekommen, um mit dafür zu sorgen, dass die Bedingungen unserer Arbeit und Existenz verbessert würden.
„Dabei möchte ich Sie unterstützen“, versprach uns Brandt, „moralisch und, wo es geht, auch praktisch. Ich sage das als Bundeskanzler und auf Grund der politischen Verantwortung, die ich insgesamt zu tragen habe. Ich sage es zugleich als ein Mann, der in seinen jungen Jahren von dem gelebt hat, was er zu Papier brachte. Also weiß ich nicht nur vom Hörensagen, dass schreibende Zeitgenossen sich in der latenten Gefahr befinden, zu Randfiguren der holzverarbeitenden Industrie zu werden.“ Es war geschafft, ich atmete auf. Aus der ersten Reihe schaute ich zu ihm hin und war doch nicht in der Lage, jedes Wort aufzunehmen. Äußerlich war ich ruhig, in mir wogte die Anstrengung all dieser Tage nach. Den ganzen Abend flogen die Worte der Redner wie durch mich hindurch, ich konzentrierte mich darauf, wie alles aufeinander folgen sollte und wann etwas von mir verlangt wurde. Der Beifall für den Kanzler, Böll und Grass rauschte immer wieder auf.
Als Martin Walser an die Reihe kam, forderte er - rhetorische Funken sprühend - eine IG Kultur, die wir als versammelte Kraft aller Künstler gründen müssten, kein anderer erhielt von den Autoren so schäumenden Applaus wie er. Anschließend diskutierte er unter der Moderation von Carl Amery auf der Bühne mit Böll, Grass, Kurt Sontheimer, Thaddäus Troll und Guntram Vesper. Ich saß unten neben Willy Brandt, stolz und verwirrt, weil ich mich zum ersten Mal aus der mir angeborenen Oppositionsrolle hautnah neben den Regierungschef versetzt sah.
Anschließend hatte der Kanzler eine Runde zu sich ins Hotel gebeten. Sein Referent hatte es mir als dem Vorsitzenden überlassen, wen ich auswählte. Natürlich hatte er mir damit eine Zitterpartie bereitet, denn wer hätte nicht dabei sein wollen? Als es so weit war, saßen wir reihum und wechselten die Plätze an Willy Brandts Seite. Jetzt war er vor allem ein Mann, der einen persönlichen Erfolg errungen hatte und ihn bei ein paar Gläsern Wein feierte. Er fühlte sich wohl unter diesen Traumgeistern und wurde gesellig. Für eine Weile verschwand sein Gesicht im Haar von Gabriele Wohmann. Bis lange nach Mitternacht waren wir mit ihm zusammen, und zum Schluss sprach er von seiner bevorstehenden Reise. Er stand kurz vor dem Abflug nach Warschau zur Unterzeichnung des Grundlagenvertrags mit Polen. Vielleicht erwog er schon den Kniefall am Ghettodenkmal.(Aus: Dieter Lattmann: Einigkeit der Einzelgänger. Mein Leben mit Literatur und Politik. A 1 Verlag, München 2006. S. 84-88). Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des A 1 Verlages.
Foto Dieter Lattmann: © Volker Derlath. Foto Willy Brandt: Bundesbildstelle Bonn.
Dieter Lattmann, geboren 1926 in Potsdam, lebt in München.
Neben seinen vielfältigen politischen Tätigkeiten arbeitete er
lange Jahre im Literaturbetrieb. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, Hörspiele,
Sachbücher und Essays zuletzt Fernwanderweg
, 2003.